Willkommen in der C-Lage! Warum Mindens Innenstadt verramscht – und warum bunte Bälle daran nichts ändern werden

Willkommen in der C-Lage!
Warum Mindens Innenstadt verramscht – und warum bunte Bälle daran nichts ändern werden

Symbolbild © Illustration: Das Herz der Stadt, 2026

Willkommen in der C-Lage!
Warum Mindens Innenstadt verramscht – und warum bunte Bälle daran nichts ändern werden

Autor Edgar Wilkening

Autor Edgar Wilkening. Hat in seiner Hamburger Phase aktiv an Stadtentwicklungs-Konzepten in der Hansestadt an der Elbe mitgewirkt – und schüttelt nur den Kopf, wie das Potenzial der kleinen Hansestadt an der Weser vor die Wand gefahren wird.

„No society can surely be flourishing and happy, of which the far greater part of the members are poor and miserable."

Adam Smith, 1776
Wealth of Nations, Book I, Chapter VIII („Of the Wages of Labour“)

„Die Bäckerstraße ist ja nur noch C-Lage.“ Der Satz stammt nicht von einem notorischen Nörgler, nicht von einem frustrierten Leserbriefschreiber, nicht aus einem anonymen Facebook-Kommentar.

Er stammt von einem Gastronomen, der gerade seinen Laden in ebendieser Bäckerstraße in Minden dichtgemacht hat.

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Die traditionsreiche Einkaufsstraße im Herzen einer 84.000-Einwohner-Stadt, einer der größten Städte Ostwestfalens – abgestempelt als C-Lage. Von jemandem, der es wissen muss, weil er dort sein Geld verdienen wollte und es nicht konnte.

Die Chronik der vergangenen Wochen liest sich wie ein Lehrstück. Die Billard-Bar schließt, ein Burgerladen gibt nach vier Jahren auf. Und was kommt nach? Ein Discounter, der mit dem Slogan „Mehr drin für weniger!“ wirbt – in Sichtweite von Tedi, Kik, Zeeman und Nanu Nana, unweit der zweiten Tedi-Filiale.

Man könnte in Mindens Fußgängerzone inzwischen eine Stadtführung zum Thema „Ramsch in Reihe“ anbieten

Wer aber sucht, wo sich zuletzt ein Fachgeschäft mit Anspruch, ein Flagship-Store, ein Name mit Strahlkraft neu angesiedelt hätte, sucht lange. Und länger. Und vergebens.

Natürlich gibt es auch die anderen Geschichten, die tapferen: das dänische Café mit Zimtschnecken und Hygge, die Boutique für große Größen, gegründet von einer Frau, die schlicht keine passende Kleidung mehr in Minden fand. Man wünscht beiden von Herzen Erfolg. Aber seien wir ehrlich: Das sind Ein-Personen-Wagnisse, geboren aus Lücken, die der Markt gerissen hat. Sie sind Symptom, nicht Trendwende.

Woran liegt’s?

Fragt man in Minden herum, bei Verwaltung, Politik, Wirtschaftsförderung, erntet man das immergleiche Schulterzucken, garniert mit der immergleichen Erklärung: der Onlinehandel.

Amazon ist schuld. Die Leute bestellen halt alles im Internet, da kann man nichts machen, das ist überall so, der Strukturwandel, Sie verstehen.

Diese Erklärung ist die bequemste aller Antworten und hat einen unschätzbaren Vorteil: Man muss nicht in den Abgrund der eigenen Ahnungslosigkeit blicken.

Wenn der Feind in Seattle sitzt, kann niemand im Rathaus etwas dagegen tun

Die Schuld auf den Online-Handel zu schieben hat nur einen Schönheitsfehler: Die nackten Zahlen belegen das nicht.

Der Handelsverband Deutschland beziffert den gesamten Einzelhandelsumsatz für 2025 auf rund 677 Milliarden Euro. Der Onlinehandel steuert davon 92,3 Milliarden bei – ein Anteil von 13,5 Prozent.

Anders gesagt: Mehr als 86 von 100 Euro, die im deutschen Einzelhandel ausgegeben werden, wandern nach wie vor über einen realen Ladentisch. Der stationäre Handel ist nicht tot. Er ist nicht einmal ernsthaft krank. Er ist – in Summe – immer noch das mit weitem Abstand größere Geschäft.

Vor allem aber: Das Internet ist überall gleich schnell. In Gütersloh wird genauso online bestellt wie in Minden, in Verl genauso wie in Espelkamp. Wenn der Onlinehandel die Erklärung wäre, müssten alle Innenstädte gleichmäßig verramschen.

Tun sie aber nicht. Andernorts eröffnen Concept Stores, Feinkosthändler, Modehäuser. In Minden eröffnet die Billo Box.

Der Onlinehandel erklärt vielleicht, warum es der Mindener Innenstadt nicht blendend geht. Er erklärt nicht, warum es ihr so viel schlechter geht als anderen. Dafür braucht es eine andere Zahl. Und die liegt seit Jahren für jedermann offen auf dem Tisch – man müsste sie nur überhaupt mal ansehen wollen.

Die Zahl, über die in Minden niemand spricht – weil sie die Inkompetenz von Politik und Verwaltung offenbart

Die IHK Ostwestfalen zu Bielefeld veröffentlicht in ihrem Magazin regelmäßig die Kaufkraft pro Kopf für alle Kommunen der Region, erhoben von der Michael Bauer Research GmbH.

Es ist eine unaufgeregte Balkengrafik, „Grafik des Monats“, keine Skandalstory. Vielleicht ist sie deshalb all die Jahre unbemerkt geblieben. Dabei erzählt sie, Jahrgang für Jahrgang, die selbe Geschichte – und es ist keine schöne für Minden.

Kaufkraft in € pro Kopf 2021 2023 2024 2026
Bundesschnitt 24.455 26.870 27.939 32.009
Ostwestfalen 23.715 25.850 26.709 30.800
Minden 22.655 24.382 25.182 28.544
Minden im OWL-Ranking (54 Kommunen) Platz 43 Platz 47 Platz 49 Platz 51

Quelle: IHK Ostwestfalen, „Ostwestfälische Wirtschaft“ · Daten: Michael Bauer Research GmbH

Diese Zahlen verraten einen klaren Trend: Minden ist konsequent immer weiter zurückgefallen im Ranking aller 54 Kommunen in OWL. Zuletzt auf Platz 51 im Jahr 2026. Und noch etwas fällt auf: Die Kaufkraft der Mindener wächst zwar, aber im Verhältnis zum Bundes- und zum OWL-Durchschnitt proportional deutlich geringer. Wagt jemand eine Prognose, mit welchen Zahlen Minden im Jahr 2027 unter einem SPD-Bürgermeister Peter Kock dastehen wird?


 

2021: Die Kaufkraft in Ostwestfalen liegt bei 23.715 Euro pro Kopf, bundesweit bei 24.455 Euro. Minden rangiert mit 22.655 Euro tief im hinteren Feld.

2023: Bundesschnitt 26.870 Euro, Ostwestfalen 25.850 Euro – Minden: 24.382 Euro, achtletzter Platz unter den 54 Kommunen in OWL.

2024: Bundesschnitt 27.939 Euro – Minden dümpelt bei 25.182, nochmal zwei Ränge tiefer: sechstletzter Platz im OWL-Ranking.

Und 2026, druckfrisch aus der Juni-Ausgabe: Deutschland 32.009 Euro, Ostwestfalen 30.800 Euro, Spitzenreiter Verl 35.017 Euro. Minden: 28.544 Euro, nur noch drei Ränge von der Schlusslicht-Position entfernt. In Gesellschaft von Espelkamp und Willebadessen – Kommunen, die einen Bruchteil der Größe Mindens und keinerlei oberzentrale Ambitionen haben.

Man kann diese Zahlen als trockene Statistik lesen. Man kann sie aber auch übersetzen:

Einem durchschnittlichen Mindener Zwei-Personen-Haushalt fehlen gegenüber dem Bundesschnitt rund 7.000 Euro im Jahr

Gegenüber Verl sind es weit über 12.000 Euro. Jahr für Jahr. Das ist kein Kaufkraft-Rückstand mehr, das ist eine strukturelle Konsumlücke.

Und sie schließt sich nicht – sie wächst. Denn während anderswo die Einkommen kletterten, hat sich Mindens Abstand nach oben über die Jahre zementiert.

Eine der größten Städte Ostwestfalens spielt bei der Kaufkraft nicht im letzten Drittel, sondern im allerletzten Zehntel der Region. Diese Zahlen sind öffentlich. Sie erscheinen in einem Magazin, das in jedem Chefbüro der Region ausliegt.

Und doch: kein Aufschrei, keine Ratsdebatte, keine Schlagzeile im Lokalteil. Es ist, als hätte die Stadt kollektiv beschlossen, nicht hinzusehen – wie immer, wenn die Dinge grundlegend im Argen liegen.

Dabei erklärt diese eine Zahl alles, worüber in Minden gerätselt wird

Einzelhandelsansiedlung ist keine Geschmacksfrage und keine Glückssache, sondern kühle Standortarithmetik. Bevor eine Handelskette einen Mietvertrag unterschreibt, rechnet sie: Einzugsgebiet, Frequenz, Kaufkraft.

Wo die Portemonnaies dünn sind, siedelt sich kein Premiumanbieter an – nicht einmal die solide Mitte. Der Markt lügt nicht. Kein Zara kalkuliert sich eine Stadt schön, deren Bewohner pro Kopf dreieinhalbtausend Euro weniger auszugeben haben als der Bundesdurchschnitt.

Wer sich dagegen sehr wohl ansiedelt, sind jene Anbieter, deren Geschäftsmodell exakt auf dünne Portemonnaies zugeschnitten ist. Tedi, Kik, Billo Box und Co. – das sind keine Betriebsunfälle der Stadtentwicklung. Das sind rationale Marktakteure, die Mindens Kaufkraftdaten gelesen haben und daraus die einzig logische Konsequenz ziehen.

„Mehr drin für weniger“ ist nicht nur ein Werbeslogan. Es ist die präziseste Standortanalyse, die je über Minden geschrieben wurde

Die Verramschung der Innenstadt ist ein Spiegel: Die Fußgängerzone zeigt der Stadt jeden Tag, was ihre Bürger sich leisten können. Man muss nur den Mut haben hinzuschauen.

Und was unternimmt Minden? Das Innenstadtmanagement hängt Dekoration in die Fußgängerzone. Bunte Bälle, die fröhliche Einkaufslaune verbreiten sollen, schweben über der Einkaufsstraße, in der es immer weniger zu kaufen gibt, das der Laune würdig wäre.

Es ist gut gemeint, gewiss. Aber es ist – typisch für Minden – Symptombekämpfung in ihrer reinsten Form: Man dekoriert die Folgen, statt die Ursachen anzupacken. Es ist, als hinge man einem Kreislauf-Patienten bunte Luftballons ans Krankenbett und würde das Therapie nennen.

Die unbequeme Wahrheit lautet: Keine Deko, kein Stadtfest, kein Leerstandsmanagement und kein noch so engagiertes Citymarketing kann kompensieren, dass den Menschen dieser Stadt schlicht das Geld fehlt. Der einzige Hebel, der die Innenstadt nachhaltig aufwerten kann, ist die Kaufkraft ihrer Bewohner. Und Kaufkraft entsteht nicht durch Beschwörung.

Kaufkraft entsteht durch gut bezahlte Arbeit. Und das führt zur eigentlichen Frage, die in Politik und Verwaltung seit Jahren niemand stellt:

Warum verdienen die Menschen in Minden so viel weniger als fast überall sonst in der Region OWL?

Verl, Rheda-Wiedenbrück, Steinhagen, Gütersloh – die Spitzenplätze der Kaufkraft-Tabelle sind keine Naturwunder. Es sind Kommunen, die über Jahrzehnte Industrie und Mittelstand gehegt haben, die Gewerbeflächen, Genehmigungstempo und Standortpflege als Chefsache begriffen. Dort stehen Weltmarktführer und Hidden Champions, die Ingenieure, Facharbeiter und Kaufleute ordentlich bezahlen – und deren Gehälter dann in den örtlichen Geschäften landen.

Minden dagegen? Verwaltet. Das Rathaus ist seit vielen Jahren fest in sozialdemokratischer Hand; auf Michael Buhre und Michael Jäcke folgte im Herbst Peter Kock, der sich im Wahlkampf als Opfer einer Nazi-Attacke stilisierte und nun eine Stadt führt, deren ökonomischer Sinkflug in seiner Partei offenbar noch nie als Alarmsignal gelesen wurde.

Sozialdemokratische Kommunalpolitik denkt traditionell vom Verteilen her. Aber verteilt werden kann nur, was vorher erwirtschaftet wurde. Und die Frage, wie in Minden eigentlich Wertschöpfung entsteht, wie man Unternehmen anlockt, die hochqualifizierte – und in ihrem Sog auch mittelqualifizierte – Arbeitsplätze schaffen, diese Frage hat in der Mindener Politik erkennbar keine Priorität.

Man darf auch fragen, woher sie kommen sollte: Ein Bürgermeister, der sein Berufsleben im Schuldienst verbracht hat, umgeben von einer Ratsmehrheit, die Wirtschaftspolitik für etwas hält, das in Düsseldorf oder Berlin stattfindet, wird das Erwirtschaften kaum zur Herzensangelegenheit machen.

Dabei wäre genau das die Lösung – nicht als neoliberale Zumutung, sondern als soziale Politik im besten Sinne. Denn nichts wäre sozialer, als den Menschen dieser Stadt die Chance auf ordentliche, vielleicht sogar sehr ordentliche Gehälter zu verschaffen.

Mehr Geld in den Taschen der Mindener – nicht per Transferleistung, sondern per Gehaltsabrechnung

Das hieße: aktive Ansiedlungspolitik, ausgewiesene und erschlossene Gewerbeflächen, eine Verwaltung, die Investoren als Partner behandelt statt als Antragsteller, Tempo bei Genehmigungen, Werben um Zukunftsbranchen. Kurz: eine Wirtschaftspolitik, die diesen Namen verdient und Protagonisten im Rathaus hat, die davon was verstehen.

Steigt die Kaufkraft, folgt der Handel von ganz allein – so zuverlässig, wie er ihr bisher davongelaufen ist. Dann rechnet sich plötzlich das Modehaus, das Fachgeschäft, das Restaurant mit Anspruch. Dann wird aus der C-Lage wieder eine B- und irgendwann sogar eine A-Lage. Nicht, weil jemand bunte Bälle aufgehängt hat. Sondern weil die Menschen, die darunter hindurchgehen, wieder etwas in der Tasche haben.

Bis dahin gilt: Minden hat kein Amazon-Problem. Minden hat ein Einkommensproblem.

Und wer das nicht aussprechen mag, weil er dann über eigenes Versagen, über eigene Mitschuld sprechen müsste, der möge wenigstens aufhören, sich über die Billigheimer zu wundern. Sie sind die Einzigen, die dieser Stadt noch die Wahrheit sagen – jeden Tag, in Großbuchstaben, direkt ins Schaufenster geklebt.

Minden nennt sich offiziell „Die Stadt mit dem Plus“. Der Markt lügt nicht – und hat den Slogan längst korrigiert: Mehr drin für weniger.


Quellen: IHK Ostwestfalen zu Bielefeld, „Ostwestfälische Wirtschaft“, Grafik des Monats (Ausgaben 07/2021, 08/2023, 06/2024, 06/2026), Daten: Michael Bauer Research GmbH; Handelsverband Deutschland (HDE), Jahresprognose 2025 und Online-Monitor 2026; Mindener Tageblatt, „Abschiede und Neuanfänge“, Juli 2026.

Warum liest man derart präzise Analysen nicht in der Zeitung?

Gute Frage! Falls Sie dabei an eine ganz bestimmte Zeitung denken, müssten Sie dort mal direkt nachfragen. Grundsätzlich gilt aber: Lokaljournalisten sind so eitel, dass sie sich viel zu gerne gemein machen mit Politik und Verwaltung. Man kann beobachten, wie sie sich ungeniert einladen lassen, wenn Stadt und Politik ihre  Sommerfeste feiern. Dann sitzen die angeblich ach so kritischen Beobachter fröhlich mittendrin – wie vergangenen Freitagabend im Biergarten des Hotel Bad Minden.

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Foto/Grafik
© Das Herz der Stadt

Autor Edgar Wilkening

Autor Edgar Wilkening

"Die Gesetzmäßigkeit der Verwaltung bildet das zentrale Element des Verwaltungshandelns in einem Rechtsstaat."

Quelle: Rechtslexikon auf jurawelt.com

Solange man die Bürger gängeln kann, wird jede Gelegenheit genutzt. Im eigenen Laden aber herrscht der Schlendrian.

Diesen Eindruck vermittelt die Mindener Stadtverwaltung schon länger. Und nährt das Bild jetzt durch aktuelle Vorfälle im Bereich des Bildungszentrums Weingarten.

Sie erinnern sich? Das Kino Die Birke wurde neulich von der Stadt Minden wegen Baumängeln geschlossen. Dem Unternehmen Eventhaus in Hahlen wurde der Betrieb untersagt. Und, und, und …

Immer getreu dem Motto, das der Baubeigeordnete der Stadt Minden Lars Bursian schon 2022 anlässlich der bauordnungsrechtlichen Schließung des temporären Kunst- und Kulturraums von Das Herz der Stadt in der Obermarktstraße 19 ausgegeben hat:

„Wir können leider keine Ausnahme machen (auch andere müssen diese Voraussetzungen erfüllen!)“

Ausschnitt aus E-Mail des Baubeigeordneten Lars Bursian

Quelle: Ausschnitt aus einer E-Mail vom 10. März 2022, 10:38 Uhr des Baubeigeordneten der Stadt Minden, Lars Bursian an die Wählergemeinschaft Wir für Minden zum Verbot der temporären Zwischennutzung einer Gewerbefläche als Aktionsraum für Kunst in der Obermarktstraße 19. (Gelbe Hervorhebung durch den Autor.)

Wir können keine Ausnahme machen? Auch andere müssen diese Voraussetzungen erfüllen? Die aktuellen Baumaßnahmen am Bildungszentrum Weingarten vermitteln da einen anderen Eindruck.

Eigentümer der Liegenschaft: die Stadt Minden. Auftraggeber der Bauarbeiten: ebenfalls die Stadt Minden. Verantwortlich für den Vorbeugenden Brandschutz: auch die Stadt Minden. Bauaufsichtsbehörde: nochmal die Stadt Minden.

Komische Häufung, oder …? Und da geht alles mit rechten Dingen zu?

Natürlich nicht.

Zum Bildungszentrum Weingarten gehört auch das Kleine Theater am Weingarten. Gelegen im ersten Stock der alten Strothmannschen Brennerei am Königswall. Verwaltet von der Volkshochschule Minden-Bad Oeynhausen.

Dieses Theater nutzt der Verein Kleines Kino am Weingarten e.V. regelmäßig für Vorführungen aktueller Filme im Programmkino-Segment. Vergangenen Donnerstag, 11. Juni 2026 war wieder so ein Kino-Tag.

Bei allem Vergnügen, das Kino bereitet: An erster Stelle steht immer die Sicherheit aller Besucher und Mitwirkenden. Deshalb hat der kleine Verein extra mehrere Mitglieder als Sachkundige Aufsichtspersonen für Versammlungsstätten ausbilden lassen.

Das ist eine mehrtägige Fortbildung, die den jungen Verein damals beim Start eine ordentliche Stange Geld gekostet hat. Aber: Sicherheit hat im Kino-Klub oberste Priorität.

Mindestens eine dieser speziell geschulten Personen ist bei jeder Kino-Vorstellung anwesend

Als Aufsichtführende Person ist sie verantwortlich für die Sicherheit aller Anwesenden, insbesondere im Brandfall. So auch vergangenen Donnerstag. Zu den Aufgaben gehört stets auch: vor Veranstaltungsbeginn alle Flucht- und Rettungswege zu kontrollieren.

Und jetzt gucken Sie mal, was für einen Flucht- und Rettungsweg die Stadt Minden als Eigentümer, Bau-Auftraggeber, Vorbeugender Brandschutz und als  Bauaufsichtsbehörde dem Kino-Verein an diesem Tag vor die Nase gesetzt hat.

Warum liest man nichts darüber in der Presse?

Gute Frage! Falls Sie an eine ganz bestimmte Zeitung denken, müssten Sie dort mal direkt nachfragen. Grundsätzlich gilt aber: Lokaljournalisten haben eine sehr selektive Wahrnehmung ihres regionalen Umfelds. Meist sind sie auf der Suche nach Kaffeebechern, um ihren Fotos mehr räumliche Tiefe zu geben.

Das Shooting von Nachrichten | Rekonstruktionszeichnung

Rückwärtiger (zweiter) Flucht- und Rettungsweg des „Kleinen Theaters am Weingarten“, Stand: Donnerstag, 11. Juni 2026, 16:15 Uhr
Vom Fotografen-Standpunkt aus rechts (hier außerhalb des Bildes) tritt man aus dem Gebäude, steht auf einer kleinen Empore, muss einige Stufen hinunter – alles okay bis hierhin. Aber dann …? Früher nannte man so was Trimm-Dich-Pfad, aber nicht Fluchtweg.
(Foto: privat. Gelbe Markierungen: Das Herz der Stadt)

Auf diesem Weg im Brandfall in die Sicherheit? Sportlich über den Ausleger eines Kranwagens drüber, magisch durchs Absperrband und einen Stapel Paletten hindurch und schwuppdiwupp über zwei beladene Schutt-Container gekraxelt …?

Sind wir hier bei Spiel ohne Grenzen, liebe Stadt Minden?

Man muss keine besondere Ausbildung haben, um erkennen zu können, dass dieser Weg im Katastrophenfall als Flucht- und Rettungsweg nicht geeignet wäre – sondern die Katastrophe potenzieren würde.

Dieser Fluchtweg widerspricht gesetzlichen Vorschriften in so vielen Punkten, dass man ein seitenlanges Protokoll erstellen könnte. Crans-Montana läßt grüßen.

Trotzdem hat die Stadt Minden den Kino-Verein nicht über die Blockaden informiert

Knapp anderthalb Stunden vor Veranstaltungsbeginn hat eine der Aufsichtführenden Personen des Vereins diese Situation der Fluchtwege festgestellt.

Eine vorherige Benachrichtigung durch die Stadt Minden? Eventuell sogar einige Tage oder Wochen vor Veranstaltungsbeginn, damit man rechtzeitig hätte reagieren können? Erfolgte nicht.

Im eigenen Laden hält man’s bei der Stadt Minden offenbar nicht für so dringend erforderlich, auf die gleichen Details zu gucken wie bei Bürgern und Unternehmen.

„Wir können keine Ausnahme machen“? Die Worte des Baubeigeordneten waren selten hohler als in diesem Moment.

Zumal es nicht das erste Mal ist, dass die Stadt Minden durch krasses Missachten von Brandschutz-Vorschriften auffällt

2023 gab es in der Innenstadt in den Räumen des früheren Mode-Lädchens Magic eine Pop-up-Galerie, die von der Stadt Minden mitveranstaltet wurde. Zahlreiche Zeugen hatten festgestellt, dass der rückwärtige zweite Flucht- und Rettungsweg nicht frei zugänglich war. Die Stadtverwaltung erhielt entsprechende Hinweise von mehreren Personen – reagiert wurde nicht.

Oder noch krasser: Als 2025 während einer laufenden Ratssitzung im Rathaussaal die Flucht- und Rettungswege aus dem Rathaus zum Markt mit Gittern abgeriegelt worden waren. Im Katastrophenfall eine Todesfalle.

Was sagt das Rathaus selbst zu diesem Vorgang?

Man hüllt sich in beredtes Schweigen: Eine offizielle Presseanfrage von Das Herz der Stadt an die Stadt Minden blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet. Die vier harmlosen Fragen, die man im Rathaus nicht beantworten mochte: unter dem Artikel.

Verschlossener Fluchtweg im Mindener Rathaus mit Markierungen

Erster Flucht- und Rettungsweg des Rathaussaals im Rathaus Minden, Stand: Donnerstag, 10. Juli 2025, 19:19 Uhr
Während einer laufenden Stadtverordnetenversammlung im Rathaussaal ist der erste Flucht und Rettungsweg Richtung Markt verrammelt und verriegelt.  Für die Richtigkeit der Bildaussage „Ausgang/Fluchtweg verschlossen“ kann der Autor zahlreiche Zeugen namentlich benennen.
(Foto und farbige Markierungen: Das Herz der Stadt)

Der damalige Bürgermeister Michael Jäcke antwortete seinerzeit auf Hinweise zum verschlossenen Fluchtweg: „Wir nehmen solche sicherheitsrelevanten Vorgänge sehr ernst.“ Immerhin!

Und er versprach: „… haben wir den Vorfall selbstverständlich zum Anlass genommen, unsere internen Abläufe zu überprüfen. Künftig werden alle Vertretungskräfte vor ihrem Einsatz noch gezielter hinsichtlich der besonderen Anforderungen bei Ratssitzungen sowie der Sicherheitsvorgaben unterwiesen.“

Typisches Behörden-Geplapper in feinstem Amtsdeutsch. Passiert ist – wie meist in Minden – offenbar wenig bis gar nichts, wie der Vorfall am Kleinen Theater am Weingarten jetzt, kaum ein Jahr später, zeigt.

Nur einen Bruchteil der laissez fairen Gnade, die Mindens Verwaltung in eigenen Angelegenheiten praktiziert, würden sich Bürger, Unternehmer, Birke-Betreiber oder Eventhaus-Macher wohl für ihre Belange manchmal gewünscht haben – nur einen Bruchteil davon!

Aber es gibt etwas, dass Bürgern endgültig den Glauben an die staatliche Integrität ihrer Verwaltung nehmen sollte

In allen genannten Fällen waren es nicht etwa staatliche Stellen, waren es nicht professionelle Behörden-Mitarbeiter oder hochbezahlte Verwaltungs-Wichtigtuer, die die Mängel festgestellt haben.

Es waren Bürger der Zivilgesellschaft, denen die Mängel aufgefallen waren: Besucher der Pop-up-Galerie, Zuschauer einer Ratsversammlung, Aufsichtführende Personen eines kleinen Kulturvereins …

Ihrer Aufmerksamkeit allein ist es zu verdanken, dass die Mängel bei den staatlichen Institutionen überhaupt festgestellt wurden. Oft sogar eher durch Zufall.

Wenn aber so viele Mängel im Handeln der Stadtverwaltung zufällig festgestellt werden:

Wie groß wäre die Zahl der Verfehlungen wohl, wenn man den ganzen Laden mal systematisch unter die Lupe nehmen würde?

Daraus lässt sich schließen: Das grundsätzliche Vertrauen in die Kompetenzen von Bürgern darf, nein: muss man offenbar höher bewerten als das Vertrauen in staatliche Institutionen, die laufend an den Realitäten scheitern.

Ein zutiefst libertärer Gedanke. Und einer der mehr Widerstand, Misstrauen und Skepsis gegen Vorschriftenhuberei, gegen staatliche Gängelei und gegen realitätsfremde Verwaltungsheinis rechtfertigt.

Wer sich Hoffnungen gemacht hatte, dass unter einem neuen Bürgermeister Peter Kock irgendetwas in der Stadt, oder wenigstens nur in der Verwaltung, besser werden würde, sieht sich getäuscht.

Der alte Schlendrian geht weiter: Bürgern wird mit Freuden in die Suppe gespuckt. Aber bei eigenen Angelegenheiten drückt man ein Auge zu oder schaut gleich ganz weg.

Von der amtsstüblichen Kaffeemaschine bewegt man sich nur weg, wenn es sich gar nicht anders vermeiden lässt.

Es wäre Aufgabe der Politik, also des Rates der Stadt Minden, die Verwaltung zurechtzustutzen, zu maßregeln und klar in ihre Grenzen zu weisen. Allerdings: Es dürfte ein Irrglaube sein, dass so etwas in Minden passiert.

Und so bleibt den Bürgern nur: Allem, wirklich allem konsequent zu misstrauen, was aus einer Verwaltung kommt, in der sich Desinteresse und Inkompetenz den lieben langen Tag die Klinke in die Hand geben.


 

Vier harmlose Fragen, die die Stadt Minden gegenüber Das Herz der Stadt lieber nicht beantworten wollte:

  1. Seit wann genau und auf welchem Weg hat die Stadt Minden von der Blockade der Flucht- und Rettungswege Kenntnis erlangt?
  2. Wann genau und auf welchem Weg hat die Stadt Minden die betroffenen Institutionen (z.B. Volkshochschule, Stadtbibliothek …) über die Sperrung und mögliche Beeinträchtigungen informiert?
  3. Wurde die Baumaßnahme mit dem vorbeugenden Brandschutz bzw. der Feuerwehr Minden abgestimmt? Falls ja: mit welchem Ergebnis? Falls nein: warum nicht?
  4. Wann ist mit der Freigabe der blockierten Flucht- und Rettungswege zu rechnen?

Grund für die Nicht-Beantwortung der Fragen nach Auffassung des Autors: Jede wahrhaftige Antwort auf eine der vier Fragen hätte den Eindruck massiver Ahnungslosigkeit im Mindener Rathaus nur verstärkt. 

 

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Der Claas-Relotius-Moment des Lokaljournalismus Sicherheitskamera offenbart, wie Zeitungsmacher arbeiten

Der Claas-Relotius-Moment des Lokaljournalismus
Sicherheitskamera offenbart, wie Zeitungsmacher arbeiten

Der Claas-Relotius-Moment des Lokaljournalismus
Sicherheitskamera offenbart, wie Zeitungsmacher arbeiten

Rekonstruktions-Zeichnung
© Das Herz der Stadt

Autor Edgar Wilkening

Autor Edgar Wilkening

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"Weil guter Lokaljournalismus Vertrauen schafft, Orientierung gibt und Zusammenhalt stärkt. (...) Kurz: Lokaljournalismus ist demokratische Grundversorgung im Alltag. "

Dienstag, 5. Mai 2026: der erste Tag des Lokaljournalismus, eine Initiative privater Zeitungsverlage und Medien-Organisationen. Das obige Zitat stammt von der Webseite der Aktionsgruppe. Nur: Was davon ist noch wahr, wenn man hinter die Kulissen des Lokaljournalismus blickt – dort hin, wo er entsteht?

Dienstag, 5. Mai 2026. Die Lokalzeitungen im deutschsprachigen Raum begehen den „Tag des Lokaljournalismus“. Zum ersten Mal. Man ist in Feierlaune. Überall in Deutschland. Manche Redaktionen öffnen ihre Türen fürs Publikum, manche laden an Informationsstände auf Marktplätzen ein, manche schicken blaue Strahlen in die Luft, wie man es von Provinz-Diskos kennt.

Eine Branche feiert sich selbst. Sie tut das mit einer Inbrunst, die unwillkürlich misstrauisch macht – denn wer öffentlich seine eigene Unentbehrlichkeit beschwört, hat häufig ein Problem mit der Wahrnehmung von außen.

Es ist genau dieses Datum, an dem der vorliegende Text veröffentlicht wird. Das ist kein Zufall. Anlass ist Material, das dem Autor von einer anonymen Quelle zugespielt worden war – und das einen Vorgang dokumentiert, der den Selbstauskünften der Branche an diesem Tag in eigentümlicher Weise widerspricht.

Das Material wurde unabhängig auf seine technische Echtheit geprüft. Anhaltspunkte für eine Manipulation des Materials liegen nicht vor.

Eine Aufzeichnung aus dem Jahr 2025

Das Material stammt aus einer Sicherheitskamera, irgendwo in Deutschland. Im Bild: ein schmaler Verbindungsgang in einer öffentlich zugänglichen Anlage. Im Hintergrund: ein größerer Innenraum. Rechter Hand: ein Ausgang ins Freie. Aufnahmedatum: irgendwann im Jahr 2025. Dauer der relevanten Sequenz: etwa zwei Minuten.

Was zu sehen ist:

Eine Person betritt den Gang. Die Bewegungsmelder schalten das Licht ein. Die Person hat ein Smartphone in der Hand. Sie schreitet den Gang ab, geht in die Hocke, fotografiert. Sie geht die volle Länge des Ganges, blickt am Ausgang ins Freie, kehrt zurück. Sie will den Gang in die Richtung verlassen, aus der sie gekommen ist. Dann hält sie inne. Sie kontrolliert etwas auf ihrem Display.

Dann wirkt es wie ein gefasster Entschluss. Die Person dreht um. Geht zurück zum Ausgang. Verschwindet kurz aus dem Sichtfeld der Kamera.

Rekonstruktionszeichnung

Rekonstruktions-Zeichnung
Die Person hat von außerhalb der Anlage einen vermüllten Pappbecher mit Burger-Papier geholt und trägt ihn in den Gang.

Sie kommt zurück. In der Hand: ein Pappbecher. In dessen Öffnung: zerknülltes Burger-Papier. Ein Stück Müll, eindeutig.

Die Person platziert den Becher auf dem Boden des Ganges. Sie geht davor in die Hocke. Sie schießt ein oder mehrere Fotos. Sie steht auf. Sie geht.

Den Müll lässt sie liegen.

Am Ende des Ganges kommt ihr ein Mitarbeiter der Anlage entgegen. Die Person sieht den Mitarbeiter. Sie dreht um. Sie eilt zurück, greift den Becher vom Boden, verlässt mit dem Müll in der Hand das Bauwerk durch den Ausgang rechter Hand. Im Vorbeigehen wirft sie dem Mitarbeiter über die Schulter eine Bemerkung zu.

Zwei Minuten. Das ist alles.

Das Shooting von Nachrichten | Rekonstruktionszeichnung

Rekonstruktions-Zeichnung
Die Person hat den Pappbecher im Gang platziert, hockt sich hin und macht ein oder mehrere Fotos mit dem Smartphone.

Was im Anschluss in einer Lokalzeitung erschien

Kurze Zeit später erscheint in einer deutschen Lokalzeitung ein Artikel über eben diese Anlage. Bebildert wird er mit einem Foto. Auf diesem Foto: ein verlorener, müllig wirkender Pappbecher mit Burger-Papier auf dem Boden eines Verbindungsgangs. Groß abgebildet. Hingucker des Artikels.

Im Artikel findet sich kein Hinweis darauf, dass der abgebildete Becher nicht aus dem üblichen Gebrauch der Anlage stammt. Kein Hinweis darauf, dass er erst kurz vor der Aufnahme an diese Stelle gelangt ist. Kein Hinweis darauf , dass die fotografierende Person höchstpersönlich den Müll in die Anlage getragen hat.

Das Foto in der Zeitung | Rekonstruktionszeichnung

Rekonstruktions-Zeichnung
Der Sündenfall des Lokaljournalismus: Das Foto, das einige Zeit später in einer Lokalzeitung erscheint mit dem mülligen Becher als zentralem Hingucker im Bildvordergrund.

In der Zusammenschau mit dem Material der Kamera stellt sich die Frage, ob das Bild in der Zeitung als Dokumentation eines Zustands erschienen ist, der in dieser Form gar nicht tatsächlich vorgelegen hat.

Diese Frage ist nicht ohne Belang. Es macht für Leser einen Unterschied, ob man das Foto eines vermüllten Gangs sieht – oder das Foto eines Gangs mit einer kurz zuvor durch die fotografierende Person herbeigeführten Vermüllung.

Was sich aus dem Material ergibt

Halten wir fest, was sich aus der Aufzeichnung rekonstruieren lässt – und was nicht.

Beobachtbar ist: Die Person betritt den Gang und fotografiert ihn ergebnisoffen. Sie hält dann inne, kontrolliert ihre Aufnahmen, verlässt den Schauplatz, kehrt mit einem Müllgegenstand zurück, platziert diesen, fotografiert erneut. Die Person will gehen, ohne den Gegenstand wieder mitzunehmen. Erst beim Erscheinen des Mitarbeiters greift sie den Becher und entfernt ihn.

Nicht beobachtbar ist: was die Person in diesem Moment dachte; welche redaktionelle Absprache es gegeben haben mag; welche Anweisung etwaige Vorgesetzte erteilt haben könnten.

Eines aber lässt sich auf der Grundlage des Materials sagen: Das Foto ist nicht das Ergebnis eines Zufalls. Wer den Schauplatz verlässt, ein Requisit beschafft, dieses platziert und gezielt fotografiert, hat eine bewusste Entscheidung getroffen. Das ist im Material der Kamera zu erkennen.

Die Wahl des Requisits

Bemerkenswert ist auch, was beschafft wurde.

Wäre lediglich ein kompositorischer Vordergrund gesucht worden – ein Gegenstand, der dem Bild Tiefe und Maßstab verleiht –, hätte man zu vielem greifen können. Zum Beispiel zum Rucksack, den die Person trug. Stattdessen wurde nicht nach einem kompositorischen Helfer gegriffen, sondern nach einem narrativen Objekt.

Ein Becher mit zerknülltem Burger-Papier liefert keine Tiefe. Er liefert eine Aussage. Er sagt: ungepflegt, vernachlässigt, vermüllt. Er sagt es nicht beiläufig. Er sagt es zentral.

Was im Anschluss geschah

Einige Zeit nach dem Erscheinen des Artikels wurde – nach Informationen, die dem Autor aus dem Umfeld des Verlages vorliegen – innerhalb des Hauses eine Personalentscheidung getroffen. Zugunsten der Person, die für den Artikel und das Foto verantwortlich ist. Eine Entscheidung mit redaktioneller Tragweite.

In jedem ordentlichen Verlagshaus wäre die kritische Befassung mit einem inszenierten Foto einer solchen Personalentscheidung vorausgegangen, darf man annehmen. Spätestens bei deren Vorbereitung hätten interne Kontrollmechanismen anspringen müssen.

Es spricht einiges dafür, dass die Kontrollmechanismen versagt haben. Oder dass sie angesprungen sind, ohne Wirkung zu entfalten.

Beide Möglichkeiten wären aufschlussreich. Im ersten Fall hätte ein Verlagshaus keine funktionierenden Kontrollmechanismen. Im zweiten Fall hätte es welche, aber sie würden nicht greifen.

In beiden Fällen wäre der Befund derselbe: Was zählt, ist offenbar nicht der saubere journalistische Vorgang. Was zählt, so der Eindruck, ist das Resultat – das publikumswirksame Bild, der lesergerechte Aufmacher.

Wie der Inhalt zustande gekommen ist, scheint zweitrangig.

Was im Verlag bekannt sein soll

Nach übereinstimmenden Informationen aus dem Umfeld des betroffenen Hauses ist das Kameramaterial dort seit geraumer Zeit bekannt.

Eine Anfrage des Autors mit Bitte um Stellungnahme zu dem Vorgang ist zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Textes unbeantwortet geblieben.

An sichtbaren Reaktionen ist festzuhalten:

– Eine Richtigstellung gegenüber den Lesern ist nicht erschienen.
– Eine öffentliche Stellungnahme des Hauses liegt nicht vor.
– Eine kommunizierte interne Untersuchung ist nicht erkennbar.

Der ursprüngliche Vorgang ist die eine Sache. Nach meiner Meinung: reparierbar durch redaktionelle Konsequenzen. Auflösbar durch Transparenz.

Das anhaltende Schweigen ist von anderer Qualität. Aus einem journalistischen Einzelfall wird in dem Moment ein institutionelles Problem, in dem das Haus selbst nicht mehr handelt.

Der Spiegel und die Unterschiede

Der Vergleich, der sich aufdrängt, ist der mit dem Fall Claas Relotius – mit gutem Grund, aber auch mit klarer Differenz.

Relotius hatte über Jahre Reportagen veröffentlicht, in denen er Figuren und Begegnungen erfunden hatte. Als der Skandal aufflog, entschied sich der Spiegel für den unangenehmsten Weg: Selbstprotokoll, Personalkonsequenzen, neue redaktionelle Sicherungssysteme, öffentliches Schuldeingeständnis.

Das hat den Spiegel beschädigt. Es beschädigt ihn bis heute. Aber der Spiegel hat sich entschieden, mit dieser Beschädigung zu leben. Er hat sich entschieden, den Schmerz der Wahrheit höher zu gewichten als das kurzfristige Verschwinden des Problems.

Die Form des Versagens ist im Detail unterschiedlich: Relotius hat Texte erfunden. Hier geht es um die Inszenierung eines Fotos. Die Vergleichbarkeit liegt in der Frage des Umgangs mit dem Versagen. Der Spiegel ist an die Öffentlichkeit gegangen. Diese Entscheidung steht der Lokalzeitung noch bevor. Bisher hat sie sich anders entschieden.

Vom Einzelfall zum Strukturverdacht

Es muss an dieser Stelle festgehalten werden, was der Vorgang nicht beweist.

Er beweist nicht, dass sämtliche Lokaljournalistinnen und -journalisten Bildmotive inszenieren. Er beweist nicht, dass Berichte routinemäßig zurechtgeformt werden. Es ist ein Einzelfall. Das gehört zur intellektuellen Redlichkeit dazu.

Aber: Der Einzelfall hat eine Eigenschaft, die ihn über sich selbst hinausweisen lässt. Er ist rein zufällig dokumentiert. Die Sicherheitskamera lief, weil sie immer läuft. Die fotografierende Person glaubte sich offensichtlich unbeobachtet. Sie hatte keinen Grund anzunehmen, dass eine Aufzeichnung jemals existieren würde.

Daraus ergibt sich eine schlichte Frage: Wenn ein Vorgang nur deshalb dokumentiert wurde, weil zufällig eine Kamera mitlief – wie viele vergleichbare Vorgänge mögen sich schon abgespielt haben, in denen redaktioneller Content nicht tatsachengetreu dargestellt wurde, ohne dass eine Kamera darauf gerichtet war?

Das ist keine Verschwörungsthese. Es ist eine Wahrscheinlichkeitsüberlegung. Reine Mathematik.

Was jetzt zu geschehen hätte

Der Weg, den der Spiegel gegangen ist, war nicht angenehm. Aber er war der einzige, der die institutionelle Glaubwürdigkeit zumindest teilweise erhalten konnte.

Übertragen auf den vorliegenden Fall ergeben sich nach meiner Meinung drei Schritte. Sie sind nicht originell. Sie sind die Grundausstattung jeder ernsthaften Krisenbewältigung.

Erstens: Eine Klärung der Verantwortung
Solange die Beteiligten in ihren Funktionen unverändert bleiben, bleibt die Botschaft nach innen und nach außen, dass der Vorgang folgenlos sei. Diese Botschaft ist mit redaktioneller Glaubwürdigkeit schwer vereinbar.

Zweitens: Eine öffentliche Einlassung der Verlagsseite
In einer Form, die der Sache angemessen ist – mit Benennung dessen, was geschehen ist, und mit der Frage, wie auf den Vorgang reagiert wurde.

Drittens: Eine externe Aufklärung
Mit Zugang zu den relevanten Unterlagen. Eine Untersuchungskommission, besetzt nicht ausschließlich mit Verlagspersonal, sondern auch mit unabhängigen Vertretern. Aufgabe: zu klären, ob es sich um einen Einzelfall handelt – oder um die Spitze eines redaktionellen Eisbergs.

Was bei diesen Schritten am Ende herauskäme, ist offen. Aber das Verfahren selbst wäre der Punkt, an dem das Verlagshaus, nach meiner Einschätzung, zurück zur Glaubwürdigkeit finden könnte.

Wer heute den Tag des Lokaljournalismus feiert

Damit kehren wir zurück zum Punkt, an dem der Text begonnen hat. Heute, am 5. Mai 2026, feiert die Branche ihren „Tag des Lokaljournalismus“.

Die Frage, die sich stellt, ist nicht, ob Lokaljournalismus einen Beitrag zur Demokratie leistet. Das tut er. In vielen Häusern, durch viele Redakteurinnen und Redakteure, die ihren Beruf ernst nehmen. Diese Feststellung ist wichtig.

Die Frage ist eine andere. Sie lautet, ob diese Branche bereit ist, sich denselben Standards zu unterwerfen, die sie von anderen einfordert.

Ob sie bereit ist, ihre eigenen Fehler genauso zu behandeln wie die Fehler derjenigen, über die sie berichtet.

Glaubwürdigkeit ist kein Naturzustand. Sondern ein Konto, von dem nur abheben kann, wer darauf einzahlt. Die Lokalzeitung hatte Monate Zeit einzuzahlen. Sie hat es nicht getan. Vielleicht reicht der heutige Tag, an diese Aufgabe zu erinnern.

Wenn nicht: Der Vorfall ist geschehen und dokumentiert. Das Material ist nicht aus der Welt zu schaffen. Der Vorgang wird nicht verschwinden.

Es bleibt, nach meiner Einschätzung, nur die Wahl der Form, in der er ans Licht kommt. Im selbstgewählten oder im fremdbestimmten Tempo. Mit Würde – oder ohne. Als Aufklärung oder als Demaskierung.

Der Lokaljournalismus, der sich gerne als vierte Gewalt im Staat versteht, sollte wissen, was diese Wahl bedeutet. Er hat sie oft genug an anderen demonstriert.

Heute trifft sie ihn selbst.

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Statt das Privileg zu nutzen, den Mächtigen auf die Finger zu sehen, Herrschaftsverhältnisse offenzulegen und fatale Abhängigkeiten zu sezieren, nehmen sich nicht wenige Journalisten lieber die Freiheit, ihren Lesern Märchen aufzutischen.

Es war von Anbeginn ein konstruktiver Geburtsfehler, ausgerechnet zutiefst kapitalistische Gebilde – Verlagshäuser, von ihren Eignern auf maximale Rendite getrimmt – zu „unabhängigen“ Aufsehern der Demokratie zu küren. Aus Wächtern über die Mächtigen wurden so nicht selten deren stille Mitspieler.

Wer genau hinsieht und journalistische Texte hinterfragt, findet sie überall: die verdrehten Wahrheiten jener Schreiber, denen die ideologische Stoßrichtung ihrer Beiträge wichtiger ist als die Wahrhaftigkeit ihrer Berichterstattung.

Nirgends ist mir das deutlicher vor Augen geführt worden als nach meinem Wechsel aus der Medienmetropole Hamburg ins provinzielle Minden.

Man schrieb das Jahr 2020, Kommunalwahlkampf, und das Mindener Tageblatt unter Chefredakteur Benjamin Piel – heute in gleicher Funktion beim Bremer Weser-Kurier – lieferte aus meiner Sicht ein Lehrstück darüber, wie sich mit faktisch korrekten Zahlen ein faktisch schiefes Bild zeichnen lässt.

Was im selben Artikel für die einen Kandidaten methodisch sauber gehandhabt wurde – nämlich der strikte Bezug auf den jeweiligen Wahlbezirk –, geriet bei anderen unter den Tisch. Ich habe diese Praxis der asymmetrischen Maßstäbe damals das „Prinzip Piel“ genannt – und stehe noch heute zu der Diagnose.

Heute, am Welttag der Pressefreiheit, den die Vereinten Nationen seit 1994 alljährlich am 3. Mai begehen, scheint mir der passende Anlass, meine detailgenaue Sektion jener Zahlenjonglage von damals als Flashback auf Das Herz der Stadt zu republizieren.

Der nachfolgende Text erschien in praktisch unveränderter Form am 15. September 2020 auf meiner Plattform www.minden-waehlt.de – einschließlich des bemerkenswerten Zitats von Top-Journalist Dirk Steffens: „Wenn man also nur einen Ausschnitt der Wahrheit betrachtet, kann man mit diesem Teil genau das Gegenteil der Wahrheit beweisen – also lügen.“

Alter Text, alte Zahlen, alter Anlass. Doch in der Analyse eines Journalismus, der sich die falschen Presse-Freiheiten nimmt, ist der Text von beklemmender Aktualität geblieben.

Edgar Wilkening, Minden, 3. Mai 2026

Strategieberater Edgar Wilkening

Autor Edgar Wilkening. Hat während seiner Arbeit für namhafte deutsche Medienhäuser große und kluge Chefredakteure persönlich kennengelernt. „Nein, Benjamin Piel würde ich nicht dazuzählen“, sagt er.

Im Blickpunkt: Journalismus, der sich die falschen Presse-Freiheiten nimmt

"Wenn man also nur einen Ausschnitt der Wahrheit betrachtet, kann man mit diesem Teil genau das Gegenteil der Wahrheit beweisen – also lügen." Dirk Steffens (Terra X / ZDF)

Quelle: “Die Dimension der Krise ist gewaltig” in “journalist” Nummer 9, September 2020. Interview hier online frei verfügbar.

Journalismus nach dem Prinzip Piel: Das Wichtige weglassen, damit das Gesinnungsbild passt

Es ist nur ein kleiner Satz in der heutigen Ausgabe des Mindener Tageblatt (15. September 2020).

Aber er offenbart die perfide Art eines Journalismus nach dem Prinzip von Chefredakteur Benjamin Piel. Hier kommt er:

"Die drei Einzelbewerber für Ratssitze erreichten stadtweit sehr geringe Zahlen."

Quelle: Mindener Tageblatt vom 15. September 2020, Seite 3, Bericht „Was absolute Zahlen sagen“ (Onlineversion hier als Bezahl-Content)

Was stimmt nicht an diesem Satz? Faktisch ist doch alles korrekt! Bei der Kommunalwahl 2020 gab es in Minden drei Einzelbewerber um Mandate für den Stadtrat.

Wenn man deren Wahlergebnisse stadtweit betrachtet, ergibt sich ein tristes Bild: einer hat 0,03 % der abgegebenen Stimmen, ein anderer 0,13 % und auch Kandidatin Astrid Engel nur 0,19 %.

Die Botschaft, die das vermitteln soll, ist klar: „Einzelbewerber – chancenlos, erfolglos, aussichtslos. Nicht weiter der Rede wert.“

Kann man so sehen im System Piel. Denn faktisch ist es richtig – aber eben nicht die reine Wahrheit.

Was stimmt denn nicht an dem Satz da oben?

Sekunde, ich zeig’s an einem Beispiel …

"Der Bürgermeisterkandidat Michael Jäcke erreichte landesweit sehr geringe Zahlen."

Fiktive Aussage, die so nie erschienen ist. Dient hier nur dazu die Logik eines Journalismus vorzuführen, der mit faktisch korrekten Aussagen das Gegenteil der Wahrheit darstellt.

Vollkommen bescheuert, der Satz über Bürgermeisterkandidat Jäcke – oder? Denn der trat ja gar nicht landesweit an.

Er wollte nur in Minden gewählt werden. Er durfte auch nur in Minden gewählt werden. Er stand nirgendwo anders überhaupt zur Wahl!

Also vollkommen irreführend konstruiert, die fiktive Aussage da oben. Und Bürgermeister Jäcke würde sich zurecht gegen eine derart bekloppte Einordnung seines Wahlergebnisses wehren. Trotzdem:

In einem System Piel ist dieser Satz faktisch vollkommen richtig – auch wenn er mit der Wahrheit nicht das Geringste zu tun hat.

Und das ist das Perfide am oben zitierten Satz aus der heutigen Aussage des Mindener Tageblatt. Er operiert mit richtigen Zahlen – aber er stellt sie in einen vollkommen falschen Zusammenhang.

Denn: Keiner der drei Einzelbewerber ist stadtweit angetreten!

Keiner der drei Einzelbewerber war in ganz Minden wählbar (was viele Wähler im Fall von Astrid Engel sehr bedauerten, wie man zahlreichen Facebook-Kommentaren entnehmen kann).

Jeder der drei Einzelbewerber war ausschließlich in einem einzigen der 25 Wahlbezirke von Minden wählbar – nirgendwo sonst.

Das Wahlergebnis der Einzelbewerber in einen Gesamt-Minden-Zusammenhang zu stellen, offenbart die gleiche schiefe Logik wie oben im Fall des fiktiven Satzes über Bürgermeister Jäcke.

In einem Journalismus nach dem Prinzip Piel entsteht der Eindruck, es gehe nicht um Wahrheit, sondern darum, das gewünschte Gesinnungsbild herzustellen.

Es lässt sich als zweierlei Maß lesen, was Journalisten dafür in der Tasche haben müssen.

Denn natürlich wissen die Zeitungsmacher sehr genau, was sie da machen. Und sie wissen auch, wie es richtig geht: dass man die Ergebnisse eines Wahlbezirks nur auf diesen einen Wahlbezirk beziehen kann.

Bei anderen Kandidaten (und insbesondere solchen, die Parteien angehören) funktioniert das tadellos – und zwar im selben Artikel!

"Bestes Ergebnis bei den Grünen hatte in seinem Wahlbezirk Horst Idelberger (25,7%)."

Quelle: Mindener Tageblatt vom 15. September 2020, Seite 3, Bericht „Was absolute Zahlen sagen“ (Onlineversion hier als Bezahl-Content)

Achten Sie auf das kleine Wörtchen „Wahlbezirk“ oben im Zitat. Es macht hier genau den Unterschied.

Denn im Fall des Grünen-Politikers wird sein Wahlbezirk-Ergebnis nicht auf das Gesamt-Minden-Ergebnis umgelegt. Was für ein Glück für ihn! Sonst würde es nämlich ebenfalls trist aussehen.

Damit das nicht passiert – genau dafür hat das System Piel zweierlei Maß in der Tasche.

Und noch ein Beleg, dass die Zeitungsmacher sehr genau wissen, wie es richtig geht – ebenfalls aus exakt dem selben Artikel.

"... nur ein Listenplatz zog: Den hat Thorsten Vogt (46 Stimmen im Wahlbezirk)."

Quelle: Mindener Tageblatt vom 15. September 2020, Seite 3, Bericht „Was absolute Zahlen sagen“ (Onlineversion hier als Bezahl-Content)

Auch hier wieder deutlich: der Bezug zum „Wahlbezirk“. Sie können es, die Zeitungsleute – dann, wenn es in ihre Darstellung passt.

Dass besagter Thorsten Vorgt in seinem Wahlbezirk deutlich weniger Stimmen erhalten hat als die parteifreie Kandidatin Astrid Engel – kein Wort darüber im Artikel. Das würde nicht ins Gesinnungsbild passen.

Dass die parteifreie Kandidatin Astrid Engel in ihrem Wahlbezirk überhaupt mehr Stimmen auf sich vereinen konnte als irgendein Kandidat von politischen Schwergewichten wie FDP, Die Linke, Mindener Initiative oder Wir für Minden jeweils in deren 25 Wahlbezirken – für das System Piel keinerlei Erwähnung im Artikel wert.

Dass ein politischer Newcomer ein ganz bemerkenswertes Ergebnis hingelegt hat im Vergleich zu altgedienten Parteikadern – keine Erwähnung wert.

In einem journalistischen System, das sich Gesinnungsbildern mehr verpflichtet fühlt als wahrheitsgetreuer Berichterstattung, können solche Zusammenhänge wirken, als seien sie zurechtgebogen bis das rauskommt, was man sich als „Bild in der Öffentlichkeit“ wünscht.

Dass ausgerechnet über solch einem verfälschenden Artikel dann noch die neutral tuende Überschrift „Was absolute Zahlen sagen“ steht, belegt nochmal mehr, um was es dieser Art Journalismus tatsächlich geht. Wahrhaftige Berichterstattung ist es jedenfalls nicht.

Ich kam schon vor einigen Tagen, im Zusammenhang mit anderen Missgriffen von Chefredakteur Benjamin Piel, zu diesem Ergebnis:

Seriöse Zeitungen, bei denen Glaubwürdigkeit zum Markenkern zählt, tun gut daran, von dieser Art Journalismus Abstand zu nehmen – und von ihren Protagonisten.

Sicherheitskamera entlarvt: So veräppelt der Lokaljournalismus seine Leser

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Symbolbild. Foto von
Siarhei Horbach auf unsplash.com

Autor Edgar Wilkening

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Bis zur Veröffentlichung von Inhalten aus der Sicherheitskamera sind es nur noch:

Tag(e)

:

Stunde(n)

:

Minute(n)

:

Sekunde(n)

Am 5. Mai 2026 findet in Deutschland der Tag des Lokaljournalismus statt

Der Aktionstag ist eine „gemeinsame Kampagne der lokalen Medien“, heißt es auf der Webseite der Organisatoren.

An diesem 5. Mai 2026 werden Verleger, Journalisten, Redaktionen in ganz Deutschland nicht müde werden, sich gegenseitig auf die Schultern zu klopfen und zu feiern, was für ein toller Haufen aufrechter Haudegen man sei; wie sehr die Demokratie geschützt wird durch das eigene Tun; was für glorreiche Heldentaten man jeden Tag vollbringt; wie unersetzlich man ist fürs Gemeinwohl und das große Ganze und überhaupt und Hastenichtgesehn …

Da möchte Das Herz der Stadt – als verbürgte Plattform für Wahrheit und Transparenz – nicht tatenlos daneben stehen.

Nachdem mittlerweile praktisch alle großen Magazine und Sendeanstalten in Deutschland ihren Claas-Relotius-Moment erlebt haben und der Verbreitung von Fake-News überführt wurden, wird’s Zeit auch in der Provinz mal genauer hinzuschauen, wie dort eigentlich Journalismus zustande kommt. Spoiler: genau wie bei den Großen – es wird gefaked, was geht.

Der Claas-Relotius-Moment des Lokaljournalismus in Wort und Bild

Dem Herz der Stadt liegt ein bemerkenswertes Dokument vor, das erschütternde Einblicke gibt in das, was Lokaljournalisten und -journalistinnen anstellen, wenn sie sich vom Leser unbeobachtet fühlen bei ihrer unglaublich ehrenvollen „demokratie-schützenden“ Journaillen-Arbeit.

Der erste Tag des Lokaljournalismus am 5. Mai 2026 ist deshalb genau das richtige Datum, Inhalte dieses Dokument einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Und die selbstverliebten Wichtigtuer in deutschen Lokalredaktionen als das zu zeigen, was sie wirklich sind …

Stay tuned!

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Parkhaus-Projekt Marienwall: Alternativlos. Bis man die Alternative kennt.

Parkhaus-Projekt Marienwall: Alternativlos.
Bis man die Alternative kennt.

Parkhaus-Projekt Marienwall: Alternativlos.
Bis man die Alternative kennt.

© Symbolbild: Das Herz der Stadt

Autor Edgar Wilkening

Autor Edgar Wilkening

Erneut steht das Rathaus Minden unter Manipulationsverdacht. Erst die Aussage: Es gibt keine Alternative zum städtischen Neubau des Parkhauses Marienwall. Dann taucht eine Alternative auf. Und plötzlich stellt sich nicht mehr die Frage nach dem Parkhaus – sondern nach der Wahrheit dahinter.

Die Entscheidung fiel schnell. Vielleicht zu schnell.

Am 26. Februar 2026 gibt der Haupt- und Finanzausschusses der Stadt Minden grünes Licht für die Planung eines neuen Parkhauses am Marienwall. Die Verwaltung kalkuliert mit Baukosten von knapp sechs Millionen Euro. Kritik kommt aus kleineren Fraktionen – doch sie verhallt.

Den Ausschlag gibt eine zentrale Aussage des zuständigen Beigeordneten Lars Bursian. Laut Protokoll sei ein Parkhaus in der Mindener Innenstadt „nicht wirtschaftlich zu betreiben“. Ohne Zuschüsse der Stadt gehe es nicht. Die Botschaft an die Politik: Es gibt keine realistische private Alternative.

Doch genau diese Aussage steht nun infrage.

Nach übereinstimmenden Informationen aus mehreren Quellen liegt der Stadtverwaltung bereits seit März 2025 ein konkretes Angebot vor. Von einem regionalen Unternehmen, das zu den Marktführern im Parkhausbau in Deutschland zählt – und nicht nur Planung und Bau anbietet, sondern auch den privatwirtschaftlichen Betrieb.

Ausschnitt aus dem Protokoll der Sitzung vom 26. Februar 2026 des Haupt- und Finanzausschusses der Stadt Minden mit dem Zitat des Beigeordneten Lars Bursian zur Wirtschaftlichkeit von Parkhäusern

Beleg statt Behauptung
Quelle: Ausschnitt aus Seite 10 der „Niederschrift zur 3. Sitzung des Haupt- und Finanzausschusses am 26.02.2026 im Rathaus Minden, Großer Rathaussaal, Markt 1, Minden“. Öffentlich abrufbar im Ratsinfosystem der Stadt Minden. (Gelbe Hervorhebungen durch den Autor.)

Die kalkulierten Baukosten: nach diesen Angaben deutlich unter der städtischen Schätzung, im Bereich von unter drei Millionen Euro. Das Grundstück sollte dabei im Eigentum der Stadt verbleiben und im Erbbaurecht vergeben werden.

Damit entsteht ein Widerspruch, der politisch brisant ist.

Denn während die Verwaltung gegenüber den politischen Gremien den Eindruck erweckt, ein privatwirtschaftliches Engagement sei grundsätzlich nicht darstellbar, liegt offenbar ein ganz konkreter Gegenvorschlag eines erfahrenen Marktteilnehmers vor. Die zentrale Frage lautet daher:

Warum spielte dieses Angebot in der politischen Entscheidungsfindung keine erkennbare Rolle?

Wer ins Rathaus hineinhorcht, kann zudem hören, das Angebot sei intern sehr wohl diskutiert worden. Ja, es habe sogar die klare Vorgabe gegeben, dieses Thema in den politischen Beratungen nicht zu vertiefen.

Sollte sich das bestätigen, hätte das Gewicht.

Denn dann ginge es nicht mehr um eine fachliche Bewertung unterschiedlicher Modelle, sondern um die gezielte Verengung von Entscheidungsgrundlagen. Um die Frage nach Wahrheit und gezielter Manipulation.

Ein solcher Umgang würde nicht nur Fragen nach der politischen Kultur in der Verwaltung aufwerfen, sondern auch nach der Verantwortung gegenüber Rat und Öffentlichkeit – und nach der demokratischen Integrität der verantwortlichen Akteure.

Hinzu kommt die finanzielle Dimension. Zwischen einer Eigenrealisierung durch die Stadt (bezahlt vom Steuerzahler) und einem privat getragenen Modell (bezahlt vom Investor) liegt ein Unterschied in Millionenhöhe sowie eine grundlegend andere Verteilung von Risiken.

Die Verwaltung spricht von einem „Akt der Wirtschaftsförderung“.

Das kann ein legitimer Ansatz sein. Voraussetzung dafür ist jedoch Transparenz.

Genau daran fehlt es bislang.

Die Stadt Minden steht nun vor einer unangenehmen, aber unausweichlichen Aufgabe: Sie muss offenlegen, welche Alternativen tatsächlich auf dem Tisch lagen – und wie mit ihnen umgegangen wurde.

Alles andere würde das Vertrauen in eine seriöse Arbeit der Verwaltung weiter beschädigen.

Kommentar

Man kann sich irren. Man kann falsch rechnen. Man kann Projekte politisch wollen, obwohl sie teuer sind. All das gehört zum Geschäft.

Was man nicht darf: Entscheidungsgrundlagen verkürzen.

Im Fall des Parkhauses am Marienwall geht es längst nicht mehr nur um Beton, Stellplätze und Millionenbeträge. Es geht um ein Prinzip. Um die Frage, ob politische Gremien in Minden auf Basis vollständiger Informationen entscheiden – oder auf Basis dessen, was ihnen die Verwaltung für entscheidungsreif hinwirft.

Der zuständige Beigeordnete Lars Bursian hat im Haupt- und Finanzausschuss der Stadt Minden am 26. Februar 2026 eine klare These vertreten:

Ein privatwirtschaftlicher Betrieb eines Parkhauses in der Innenstadt sei nicht darstellbar. Ohne Zuschüsse gehe es nicht.

Das ist keine Nebensächlichkeit. Das ist das zentrale Argument, auf dem eine Millionenentscheidung des Ausschuss wie auch des Stadtrats am 26. März aufbaut.

Und genau dieses Argument bekommt Risse.

Denn gleichzeitig existiert – nach allem, was bekannt ist – ein konkretes Angebot eines erfahrenen Marktteilnehmers, der genau das anbietet: bauen, betreiben, privatwirtschaftlich. Zu deutlich geringeren Kosten.

Man muss dieses Angebot nicht gut finden. Man kann es prüfen, kritisieren, verwerfen. Aber man kann nicht so tun, als gäbe es diese Option nicht.

Wer eine Alternative kennt und sie in der politischen Argumentation nicht sichtbar macht, verändert die Entscheidung. Nicht offen, nicht transparent – sondern durch Weglassen.

Das ist der eigentliche Skandal. Denn so entsteht ein verzerrtes Bild.

Die Stadt als letzte Retterin einer angeblich unwirtschaftlichen Infrastruktur. Der Steuerzahler als alternativloser Finanzier. Und die Politik als Abnicker einer Logik, die so zwingend vielleicht gar nicht ist.

Sollte sich bestätigen, dass das Angebot intern bekannt war und dennoch keine Rolle spielte, dann reden wir nicht mehr über unterschiedliche Bewertungen. Dann reden wir über Steuerung durch Informationsauswahl.

Das beschädigt mehr als nur dieses Projekt. Es beschädigt das Vertrauen in staatliche Akteure.

Und genau das ist am Ende teurer als jedes Parkhaus.

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