Workshop Innenstadtmanagement: Wie lösen wir ein Problem? Indem wir einfach nur ein „Problemchen“ haben

Workshop Innenstadtmanagement:
Wie lösen wir ein Problem? Indem wir einfach nur ein „Problemchen“ haben

Workshop Innenstadtmanagement:
Wie lösen wir ein Problem? Indem wir einfach nur ein „Problemchen“ haben

Autor Edgar Wilkening

 


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ew@dasherzderstadt.de

Schon beim Impulsvortrag gleich zu Beginn zeichnete sich ab, wohin der Hase laufen sollte. Und wen auf jeden Fall keine Schuld trifft an der Misere.

Montag, 25. April 2022, 18:00 Uhr. Keine dreißig Menschen hatten sich auf Einladung der Wirtschaftsförderung der Stadt Minden eingefunden, um im Gründerzentrum „StartMIup“ über das Thema „Innenstadtmanagement“ und die grassierende Leerstandswelle zu sprechen.

Mit der Durchführung des Workshops war die Beratungsgesellschaft Cima aus Hannover betraut worden. Deren Projektleiter stellte im Eröffnungsvortrag klar, wer bzw. was für die zahlreichen Leerstände in Städten allgemein verantwortlich sei.

Wenig überraschend: das böse Internet ist schuld.

Allen voran natürlich Marktführer Amazon. Aber natürlich auch die Verbraucher, die immer öfter bequem per Alexa ordern statt die Innenstädte aufzusuchen.

Und wer noch? Na klar, die gierigen Grundeigentümer, die mit überzogenen Mietforderungen den Wandel blockieren, gleichzeitig aber dringend erforderliche Modernisierungen verschleppen.

Und mit diesem Szenario war auch schon von Anfang an klar, wen jedenfalls keine Verantwortung trifft an der Misere: die Verwaltung nicht, die Kommunalpolitik nicht und erst recht nicht deren Berater. 

Im Gegenteil. Politik und Verwaltung durften sich ausdrücklich gelobt fühlen vom Cima-Projektleiter: Minden habe seine Fußgängerzone saniert und damit einen wichtigen Schritt getan.

Dass die Verantwortlichen die Mindener Fußgängerzone zu einer identitätslosen Einkaufsrinne zum Durchkärchern gemacht haben – kein Wort darüber. Stattdessen Lob: Damit stünde Minden besser da als andere Städte.

Womit auch der Referenzpunkt für diesen Workshop festgelegt war.

Bloß nicht nach oben orientieren, sich bloß nicht an jenen Städten messen, die sehr erfolgreich agieren und ernsthafte Konkurrenten sind. Sondern immer schön nach unten gucken, auf die Städte, denen es noch schlechter geht. Dann ist das eigene Problem gleich viel kleiner.

So viel Milde mit Politik und Verwaltung kommt womöglich nicht von ungefähr. Immerhin stellten die drei Interessengruppen Politik, Verwaltung und Berater am Montagabend weit über die Hälfte aller Teilnehmer.

Die Parteien hatten ihr Spitzenpersonal geschickt. Die Verwaltung ebenso, vom Bürgermeister über Baubeigeordneten bis runter ins mittlere Management. Und allein die Berater der Cima waren mit sage und schreibe sechs Leuten aufgelaufen – was einem Verhältnis von jeweils 1 Berater auf 3,5 übrige Teilnehmer entspricht. Bemerkenswert!

Da wäre Kritik an Stadtrat und Verwaltung womöglich kontraproduktiv gewesen. Immerhin arbeitet die Cima nach Aussage des Projektleiters seit über zwanzig Jahren für die Stadt Minden – und möchte wohl auch gerne weitere zwanzig Jahre von einem stets zufriedenen Kunden „Stadt Minden“ beauftragt werden.

Wo ich herkomme, sagt man dazu: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.

Denkbar schlechte Voraussetzungen, um einer ernsten Problematik ernsthaft auf den Grund zu gehen. Eher der Nährboden für windelweiche Wischiwaschi-Ergebnisse – wie sich später bewahrheiten sollte.

Jedenfalls war die Zahl anwesender Grundeigentümer und Gewerbetreibender aus der Innenstadt, also der direkt Betroffenen, überschaubar: deutlich kleiner als die Zahl der Personen aus Verwaltung, Politik und Beratung. Hatte man das extra so gesteuert? Damit eventuell aufkeimende Kritik der tatsächlich Betroffenen schnell wieder eingefangen werden kann?

Auffällig auch, dass manche Gewerbetreibende später auf Nachfrage von Das Herz der Stadt, warum sie nicht am Workshop teilgenommen hätten, antworteten: „Wir haben gar keine Einladung bekommen.“

Ebenfalls auffällig: Die Immobilieneigentümer erhielten ihre Einladung zur Teilnahme schon gut vier Wochen vor dem Workshop-Termin. So auch der Autor (der gemeinsam mit Architektin Astrid Engel Eigentümer der Liegenschaft Obermarktstraße 19 ist).

Aus den Reihen der Politik ist dagegen zu hören, dass deren Einladungen deutlich später, nämlich nur etwa eine Woche vor dem Termin eintrafen. Hat da jemand bewusst nachgesteuert und nachträglich eingeladen, um erstens: die Bude noch halbwegs vollzukriegen, und zweitens: potenziellen Kritikern etwas entgegenzusetzen?

Es waren jedenfalls nicht die einzigen Sonderbarkeiten dieses Workshops.

Nach dem Impulsvortrag folgte die Standortanalyse für Minden. Die Liste der Leerstände, die die Cima präsentierte, erwies sich als unvollständig. Mindestens in der Obermarktstraße fehlte die Fläche des früheren Fotogeschäfts Oehlmann. Dass dieser Laden seit langem geschlossen ist, war den Cima-Leuten wohl entgangen. Schließlich sieht das Schaufenster immer noch gut bestückt aus.

Hätte man allerdings mal jemanden im Umfeld gefragt, hätte man den tatsächlichen Sachstand erfahren können: Der Ladenbesitzer ist im vergangenen Jahr verstorben – jetzt schlägt man sich mit Erbschaftsangelegenheiten und Insolvenz rum – das kann alles noch dauern – öffnen wird das Geschäft nie wieder …

Immerhin erfuhren die Workshop-Teilnehmer, dass es bei der Bestandsaufnahme der Innenstadt durch die Cima-Berater Anfang April geschneit hatte. Tja, wichtige Informationen sind wichtige Informationen.

Nach der Standort-Analyse ging es für die Teilnehmer in drei verschiedene Arbeitsgruppen. Eine davon sollte sich mit dem Thema „Quartiere und deren Entwicklung“ befassen.

Und dort muss es offenbar zum Eklat gekommen sein.

Eine Teilnehmerin der Arbeitsgruppe berichtet: Der Moderator stellte eingangs die Frage, was toll sei an Minden. Großes Schweigen in der Runde. Dann eine der wenigen Gewerbetreibenden knapp: „Nichts.“

Ein vernichtendes Urteil. Zugespitzt, sicher. Aber drastisch in seiner Klarheit. Und es blieb wohl nicht das einzige. Mehrere in der Gruppe äußerten offenbar deutliche Kritik am über Jahrzehnte gepflegten Status quo.

In der späteren Abschlussrunde im Plenum schmunzelte der Gruppenmoderator beim Rapport: Da habe wohl „erst ein bisschen Dampf abgelassen werden“ müssen. Dampf? Ist das der richtige Weg, um kritische Kommentare aus der Basis der Gewerbetreibenden angemessen einzuordnen?

Der Bürgermeister sprang den treuen Auftragnehmern in seinem Abschluss-Statement brav zur Seite und verlautete zum Thema Dampf, es würde wenig bringen, sich mit Schwächen zu befassen; man müsse seine Stärken stärken, dann wäre man auf einem guten Weg.

Es waren überhaupt die Schlüsselaussagen in diesem Workshop, auch in den anderen Arbeitsgruppen.

„Wir sind auf einem guten Weg.“ – „Das machen wir ja schon.“ – „Das haben wir schon mal probiert.“ Selten habe ich selbstzufriedene Sätze wie diese so häufig in einem Workshop-Kontext gehört wie an diesem Abend.

Da stellt sich die Frage: Warum gibt es überhaupt ein Problem in Minden, wenn man doch alles schon macht – alles schon probiert hat – oder sowieso auf einem guten Weg ist?

Sieht so die schonungslose Bestandsaufnahme aus, auf deren Grundlage überhaupt erst wirksame und nachhaltige Lösungen entwickelt und umgesetzt werden können?

Die Vorschläge, die zur Besserung der Situation der Innenstadt gemacht wurden, waren entsprechend schlicht. Alle richtig in ihrer Schlichtheit, wohlgemerkt. Aber eben schlicht. Da kann auch Miro als hippes digitales Workshop-Tool nicht drüber hinwegtäuschen.

Ein bisschen mehr Müll einsammeln von den Straßen. Ein bisschen mehr Veranstaltungen in der Stadt. Ein bisschen öffentliche Toiletten. Ein bisschen mehr Wochenmarkt, vielleicht auch mal abends. Und natürlich: Gründer und Start-ups fördern. Die werden es dann schon richten. Dann wird die Innenstadt schon wieder aufblühen und die Leerstände in Luft auflösen.

Dass es strukturelle Gründe geben könnte für das Veröden der Mindener Innenstadt, dass es hausgemachte Gründe geben könnte – kein Wort davon.

Stattdessen der Bürgermeister, der zufrieden verlautbart: Glauben Sie mir, ich bin oft beim Städtetag – was ich da höre aus anderen Städten, dagegen geht’s bei uns richtig gut.

Da war er wieder: der Mindener Referenz-Blick nach unten, auf die, denen es noch weitaus mieser geht. Das selbstzufriedene Auf-die-Schulter-klopfen von Politik und Verwaltung: Dollen Job machen wir – anderen geht’s immerhin schlechter. Und schon wird aus einem ernsthaften Problem nur noch ein klitzekleines „Problemchen“. Ergo: Problem gelöst.

„Haben Sie irgendetwas Neues gehört heute Abend?“, fragte ich einen der Teilnehmer beim Verlassen des Gebäudes. Der lachte und schüttelte den Kopf:

„Wir reden hier seit dreißig Jahren immer wieder über das Gleiche.“

Seit dreißig Jahren? Das würde bedeuten: seit den Neunzigern des letzten Jahrhunderts.

Wohlgemerkt: Damals steckte die kommerzielle Nutzung des Internet noch in den Kinderschuhen. Das böse Shopping-Monster Amazon war noch nicht mal gegründet. Ein iPhone ferne Zukunftsmusik. Und jetzt sind diese Neuerungen plötzlich verantwortlich für den Niedergang der Mindener Innenstadt?

Nein – hier wollen interessierte Kreise nicht über die tatsächlichen Ursachen der Misere reden. Erst recht nicht aus Politik und Verwaltung. Denn sie haben maßgeblichen Anteil an diesem Niedergang.

Lieber schiebt man die Schuld auf andere. Und veranstaltet Workshops, die unterm Strich wenig bis gar nichts bringen – außer vielleicht einem SUV-Händler in Hannover den Auftrag für ein neues Firmenfahrzeug mit Vollausstattung.

Es sind Feigenblatt-Workshops, die notdürftig verdecken sollen, dass man gerne weiterwurschteln möchte wie bisher. Zwischen 12.000 und 18.000 Euro schätzen Brancheninsider die Kosten für einen Workshop wie den am Montag (inklusive Vor- und Nachbereitungen). Dabei war er ohnehin nur Teil eines größeren Beauftragungspakets, das noch bis Ende 2023 laufen soll.

Gesamtkosten? Geheim. Ergebnis? Offen. Nutzwert? Fraglich.

Geld des Steuerzahlers, das rausgeschmissen wird nur zu dem einen Zweck: Damit man weiterschludern kann wie eh und je, ohne sich vorwerfen lassen zu müssen, man habe nicht wenigstens die Betroffenen mit einbezogen oder mal angehört. Reines Demokratie-Theater zur Selbstabsicherung der Verantwortlichen.

Jeder, der ernsthaft Interesse daran hätte, die Innenstadt zu beleben und Minden zu einem blühenden Standort zu entwickeln, würde das Problem anders anpacken. Nämlich bei den Ursachen. Und dazu als erstes eine gründliche Bestandsaufnahme machen. Selbst wenn die drastisch ausfallen sollte.

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Baukultur.NRW in Minden
zu Gast bei Das Herz der Stadt

Baukultur.NRW in Minden
zu Gast bei Das Herz der Stadt

Autor Edgar Wilkening

 


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Hoher Besuch am vergangenen Dienstag bei Das Herz der Stadt: Baukultur.NRW war zu Gast in Minden. Architektin Astrid Engel hatte Peter Köddermann, Geschäftsführer Programm von Baukultur.NRW, in den nordöstlichsten Zipfel Nordrhein-Westfalens eingeladen. Der nahm das Angebot gerne an. Denn aus Landesperspektive geht das ferne Weserstädtchen Minden stets ein wenig unter.

„Das liegt aber an den Städten selbst“, stellte Köddermann gleich zu Beginn klar. „Wir haben knapp 400 Städte in NRW. Da haben wir schon personell gar nicht die Kapazität, jedes Mal auf alle einzeln zuzugehen. Die Initiative muss schon aus den Städten selbst kommen.“ Insofern Kompliment an Astrid Engel, dass sie als Bürgerin die Initiative für Minden ergriffen und eine Einladung ausgesprochen hat.

Was genau macht Baukultur.NRW eigentlich? Na klar: Man kümmert sich um Baukultur. „Aber wir sind kein Branchenverband“, erläuterte Köddermann den Teilnehmern der Runde, darunter Vertreter aus Politik und Kultur. „Das gibt uns besondere Freiheiten. Allerdings sitzen wir damit auch immer zwischen allen Stühlen.“

Baukultur Nordrhein-Westfalen ist als gemeinnütziger Verein organisiert und wird vom Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung des Landes Nordrhein-Westfalen gefördert. Die Drähte ins Ministerium sind extrem kurz, betonte Köddermann. Davon können Akteure der Baukultur profitieren.

Denn zu tun gibt es genug. „Wir werden die Klimaziele nicht erreichen, wenn wir beim Bauen weitermachen wie bisher“, ist Köddermann überzeugt.

"Ich habe gelernt, dass Architektur und Bauen nicht nur mit Steinen zu tun hat, sondern mit Geschichten vom Leben, die aber erzählt werden müssen, um sie zu verstehen. Es war ein wirklich spannendes Treffen und es könnte Minden weiterhelfen. Danke für den Termin."

Markus Redeker, Stadtverordneter der CDU Minden

Heute ist die Baubranche einer der größten Müllproduzenten Deutschlands und ein größerer CO2-Verursacher als der Autoverkehr. Der Ressourcenverbrauch durch das weitverbreitete Prinzip „Abreißen und Neubauen“ ist gewaltig. Es muss anders umgegangen werden mit Bestehendem, neu und klüger gedacht werden. „Der häufig vorgeschobene Brandschutz ist oft gar nicht das kritische Thema.“

Der Umgang mit Gebäuden der Nachkriegsmoderne sei oft ein Problem. Und leider mangele es häufig an einer Wertschätzung des Ist-Zustands. Nur sehr selten werde die Bausubstanz als Chance für Zukünftiges begriffen – und ebenso selten gäbe es eine öffentliche Diskussion zum Erhalt.

Einer der Gesprächsteilnehmer merkte an, dass die „Wegwerf-Mentalität“ beim Bau ja auch im Kreis Minden verbreitet sei, und nannte das Beispiel Kampa-Halle. Die Politik hatte längst beschlossen: „Abrissbirne her, Müll wegräumen, Neues hinzementieren“ – statt innovativ und klug über andere, neue Nutzungsmöglichkeiten nachzudenken.

Die Rohstoffe und die sogenannte „graue Energie“, die im Baumaterial der Halle stecken, wären weitgehend unverwertet geblieben und unwiederbringlich verloren gegangen. Gut, dass sich Bürger seinerzeit gegen das lauthals postulierte „Game over“ gestellt und es (vorerst) abgewendet haben.

"Das Treffen war sehr informativ. Als Fazit habe ich mitgenommen, dass wir bei der Städteplanung kreativer den Erhalt vorhandener Strukturen und Gebäude prüfen und möglichst umsetzen sollten. Das über Jahrzehnte oder länger entstandene Gesicht bzw. die Geschichte der Stadt sollte erhalten und von innen heraus der Moderne angepasst werden."

Jens Langner, 1. Vorsitzender KulturLounge Minden e.V.

Der Niedergang alter Denkmuster ist auch in den Fußgängerzonen allenthalben zu erleben. „Die Ökonomisierung der Innenstädte, wie es seit den 80ern gemacht wurde, also alle Bereiche der Innenstadt einer maximalen wirtschaftlichen Nutzung zu unterwerfen, funktioniert heute immer weniger“, erklärt Köddermann.

Und weist auf die Smartphones auf dem Konferenztisch: „Wir kommunizieren heute anders, wir kaufen anders ein. Darauf sind die Innenstädte alter Denkart nicht vorbereitet.“

Köddermann plädiert für eine neue, gesunde Balance der Innenstädte zwischen Handel, Freiflächen, Sozialen Orten, Kulturräumen und mehr.

„Was kommt nach dem Einzelhandel?“, fragten die Experten von Baukultur.NRW schon 2016. Und machten daraus einen 76-seitigen Ratgeber, den man hier kostenlos downloaden kann. Er sei Stadtverordneten und Stadtplanern ans Herz gelegt – nicht nur in Minden, nicht nur in NRW.

"Ein wesentlicher Aspekt, den ich mitgenommen habe, ist der Ansatz der Nutzung bestehender Räume und Flächen und deren Geschichte bzw. Narrativ anstatt der Schaffung von gänzlich Neuem. Außerdem wie wichtig es ist, Architektur dem Bürger zu vermitteln. Der Bürger, für den sie geschaffen wird, muss sie genauso verstehen wie der Architekt, der sie schafft."

Fabian Rupek, Vorsitzender Wählervereinigung „Wir für Minden“

Aber immer wieder kommt die Rede auch auf vorbildliche, wegweisende Initiativen: Aachen zum Beispiel, wo man eine Straße für den Autoverkehr gesperrt und den Bürgern zur Nutzung zur Verfügung gestellt hat. Als Reallabor – mit weitreichenden Folgen: Mittlerweile überbieten sich die Fraktionen im Aachener Stadtrat mit innovativen Ansätzen und Vorschlägen für die neue Stadt.

„Die meisten Veränderungen in Städten finden heute unter Druck statt, aus der Not heraus, das ist nicht gut“, hat Köddermann festgestellt.

Statt frühzeitig Entwicklungen ins Auge zu fassen, Themen visionär anzugehen, Lösungen spielerisch auszuprobieren und mit ausreichend Freiheiten Entscheidungen anzugehen, wird Stadtentwicklung heute oft aus Problemsituationen heraus angepackt – wenn es eigentlich schon zu spät ist. Denkbar ungünstig, um sinnvolle und nachhaltige Entscheidungen zu finden.

"Architekten sind fachlich qualifiziert an unserer Stadtentwicklung mitzuarbeiten. Wir sollten Bürger:innen dabei unterstützen, wenn sie die Initiative ergreifen für und auch gegen die gebaute Umwelt. Auch wenn das bedeutet, die Politik unter Druck zu setzen."

Astrid Engel, Architektin und Initiatorin des Treffens

Und noch eines wird deutlich im Gespräch: Es braucht für alles Neue stets „Lokomotiven“. Starke Menschen, die mutig vorangehen, die kreativ neue Formate ausprobieren, die visionär denken und sich von Zauderern und Zögerern nicht ins Bockshorn jagen lassen.

So gesehen könnte der 5. April 2022 zum großen „Lokomotiven“-Treffen werden. Für diesen Tag plant Baukultur.NRW eine Präsenz-Veranstaltung unter dem Titel „Alt macht Neu. Praktische Umbaukultur“ in der Stadthalle Gütersloh.

Es wird ein Netzwerktreffen der Baukultur-Akteur:innen in Nordrhein-Westfalen mit einem illustren Programm. Los geht’s um 14:00 Uhr. Die Teilnahme ist kostenlos. Weitere Infos und das Anmeldeformular gibt es hier.

Das Herz der Stadt jedenfalls wird dabei sein. Wir lieben es einfach, mehr zu erfahren und mehr zu wissen. Vielleicht sieht man sich ja.

"Es war eines der inspirierendsten Gespräche, die ich je in Minden geführt habe. Dieser Termin hat gezeigt, was für großartige Dinge entstehen können, wenn Bürger:innen die Initiative ergreifen und selbst gestalten, statt auf das Wirken von Verwaltung zu warten."

Edgar Wilkening, Initiator von Das Herz der Stadt

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Dieses Video offenbart, was Mindens Marketing falsch macht – seit über 20 Jahren und heute immer noch

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Dieses Video offenbart, was Mindens Marketing falsch macht – seit über 20 Jahren und heute immer noch

Autor Edgar Wilkening

Sie erreichen den Autor per Mail an:
ew@dasherzderstadt.de

Es ist ein bemerkenswertes Zeitdokument. Und ausschließlich hier zu sehen: bei Das Herz der Stadt – auf keiner anderen Medienplattform sonst.

Ein Video, gedreht vor zwanzig Jahren, kurz nach der Jahrtausendwende: im Juni 2002. Eine Straßenbefragung bei Passanten am Hamburger Rathausmarkt: Was verbinden die Menschen mit Minden? Wie nehmen sie die Stadt wahr? Was denken sie darüber?

Entstanden ist eine Momentaufnahme der „Marke Minden“. Einer Stadt, die im Wettbewerb steht mit anderen Städten – um Aufmerksamkeit, Gäste, Touristen, Unternehmen.

ENTSTANDEN IST EINE MOMENTAUFNAHME DER "MARKE MINDEN"

Die Befragten: allesamt Zufallsbegegnungen. Menschen aus allen Altersgruppen, die an diesem Juni-Nachmittag bereit waren zu einer kurzen Befragung.

Und obwohl die Umfrage keinesfalls repräsentativ ist, offenbaren die Antworten dennoch schonungslos, was Mindens Marketing-Verantwortliche damals falsch gemacht haben und hatten, über Jahre, Jahrzehnte – und heute wohl immer noch falsch machen.

„Was verbinden Menschen mit Minden?“ Ergebnisse einer Straßenbefragung im Juni 2002 am Hamburger Rathausmarkt. Laufzeit gesamt: 4’14“


 

Interessant, was die Befragten antworten. Zu praktisch allen Städten, die gleichzeitig abgefragt wurden, hatten die Menschen Assoziationen, Empfindungen, Eindrücke, Bilder.

Bei Hameln der Rattenfänger – na klar. Bei London die Queen. Paris der Eiffelturm. Bei Solingen Messer und Scheren. Selbst bei einem „Kaff“ wie Worpswede mit weniger als 10.000 Einwohnern gab’s klare Antworten.

Und bei der Frage nach Minden?

Die Antworten lassen sich grob in vier verschiedene Kategorien einordnen.

+

Minden wird verwechselt mit Holzminden

Typische Antworten
„Und bei Minden denke ich an Holzminden.“ – „Da fließen zwei Flüsse zusammen, aber ich weiß nicht welche.“

Minden wird vage zugeordnet anhand anderer Geomarken

Typische Antworten
„Minden, das ist Bielefeld.“ – „Liegt bei Hameln“ – „Das ist südlich von Niedersachsen.“ – „In Westfalen, mehr weiß ich nicht.“

Minden wird anhand persönlicher Ereignisse zugeordnet

Typische Antworten
„Da lag mein Vater im Krankenhaus.“ – „In Minden habe ich einen guten Freund.“ – „Enge Straßen. Stau.“ – „Filtertüten.“

u

Minden ist gänzlich unbekannt

Typische Antworten
„Minden? Gibt’s sowas wirklich?“ – „Kenne ich nicht.“ – „Nie gehört.“

All das ist Ausdruck eines extrem schwachen Markenprofils. Völlige Unkenntnis bzw. Zuordnung falscher oder rein persönlicher Attribute – eine ziemliche Katastrophe, wenn man als Stadt im Wettbewerb steht gegen andere.

Aber noch schlimmer als das, was gesagt wird, ist das, was alles nicht gesagt wird im Film. Kein einziger Befragter hat zum Beispiel gesagt:

  • „Minden, da habe ich viel von gehört. Wollte ich immer schon mal hin.“
  • „Da soll es eine tolle Ausgeh-Atmosphäre geben.“
  • „Aus meinem Umfeld fahren da regelmäßig Leute hin, weil man so gut einkaufen kann.“
  • „Das ist die Heimat dieses legendären Handballclubs, muss ich unbedingt mal besuchen.“
  • „Wollte ich schon lange hin, da gibt’s dieses tolle Kunst- und Comic-Museum.“

… oder was auch immer Menschen sagen über Städte, die eine hohe Attraktivität haben, eine starke Bekanntheit und eine große Anziehungskraft. Nichts davon oder etwas Ähnliches sagt auch nur eine einzige der befragten Personen.

Das Video zeigt: Menschen verbinden mit Minden – im großen Durchschnitt – nichts. Jedenfalls nichts Stadtspezifisches. Das war die Lage-Beschreibung im Jahr 2002. Sozusagen die Anamnese: „Wo tut’s denn weh?“

DAS VIDEO IST EINE ART ANAMNESE: WO TUT'S DENN WEH?

Ich hatte das Vergnügen, dieses Video damals im Jahr 2002 ein, zwei Dutzend Marketing-Verantwortlichen in Minden zu zeigen. Quasi als Bestandsaufnahme: So ist der Status quo – und jetzt könnte man anfangen, mit klugen strategischen Maßnahmen gegenzusteuern, um Mindens Situation im Wettbewerb zu verbessern.

Ich erinnere mich noch an die Herrschaften und Damen, die da in großer Runde beisammen saßen. Alles, was damals Rang und Namen und Pöstchen hatte in der Stadt. Unternehmer, Politiker, Marketing-Verantwortliche. Das halbe Who-is-who von Minden.

Ich präsentierte das Video. Die Lage-Beschreibung. Ich analysierte die Antworten. Zog strategische Schlüsse daraus. Und das Mindener Rund? Winkte müde ab. Desinteressiert. Viel zu saturiert. „Machen Sie die Umfrage doch mal in Bückeburg. Da kommt aber was ganz anderes raus.“

"MACHEN SIE DIE UMFRAGE IN BÜCKEBURG. DA KOMMT WAS ANDERES RAUS."

Allen Ernstes! Der Satz fiel wirklich: die Empfehlung, die Umfragebasis zu ändern, damit sich das Analyse-Ergebnis ändert. Typisch für Leute, die Tatsachen nicht wahrhaben wollen. Na, klar: Wenn der Bauch weh tut, mir die Anamnese des Hausarztes aber nicht gefällt, dann gehe ich eben zum Zahnarzt und frage den – da kommt sicher ganz was anderes bei raus. Eskapismus. 

Wer schon bei der Anamnese kneift, ist heillos überfordert, wenn es darum geht Strategien ins Auge zu fassen, einen Befund zu heilen. Denkbar schlechte Voraussetzungen, um wirklich die Dinge anzupacken, die angepackt werden müssten.

Die meisten der Herrschaften aus der Runde von damals sind zwischenzeitlich ersetzt durch die nächste Generation von Nachfolgern. Hat sich dadurch irgendetwas verbessert? Mancher von damals sitzt noch heute im gleichen Amt.

NEUES LOGO, FLYER, IMAGEFILM: ALSO ALLES BESSER GEWORDEN?

Hat die Stadt Minden gelernt seit damals? Hat man die entscheidenden Punkte angepackt? In Mindens Marketing würden alle sicherlich „Ja“ rufen. Und ich weiß, was gemeint ist: „Es gibt doch ein neues Logo.“ – „Wir drucken jede Menge Flyer.“ – „Wir haben einen Imagefilm.“ – „Wir machen Werbung in sozialen Medien.“

Stimmt, es wird Werbung gemacht. Aber es wird bis heute kein starker Markenkern besetzt. (Und nein: Ein „Plus“ ist kein starker Markenkern.)

Stimmt, es werden Flyer gedruckt. Aber was nicht passiert: eine starke Marke mit erlebbaren Inhalten füllen.

Stimmt, es gibt einen Imagefilm. Aber es werden nach wie vor die Grundprinzipien strategischen Marketings mit Füßen getreten: Differenzierung, Relevanz, Kontinuität …

ES WIRD REKLAME GEMACHT, ABER KEIN STRATEGISCHER MARKENAUFBAU

Es wird halt Werbung gemacht. Reklame. Und Geld mit vollen Händen sinnlos zum Fenster rausgeworfen – an Unternehmen in der Stadt, die Wohlverhalten zeigen und davon profitieren.

Professionelles, nach vorne gerichtetes Stadtmarketing? Kluger, nachhaltiger Markenaufbau? Fehlanzeige.

Ich wette: Würde man heute den Film von 2002 wiederholen und beliebige Menschen am Hamburger Rathausmarkt befragen, was sie mit Minden verbinden – es würde im Kern die gleichen Antworten geben.

Und eben gerade nicht die Sätze, die ich oben skizziert habe, die so wichtig wären für eine attraktive, erfolgreiche Stadt-Marke.

Dieser Beitrag ist der Auftakt zu einer Serie von Artikeln, die sich mit dem Marketing der Stadt Minden befassen. Denn neben dem Video sind 2002 noch zahlreiche andere Elemente entstanden, die aufschlussreich und sehenswert sind in Sachen strategisches Stadtmarketing.

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INTERVIEW Die Stadt mit dem Rabattschlacht-Plus: Kann das gutgehen?

INTERVIEW
Die Stadt mit dem Rabattschlacht-Plus:
Kann das gutgehen?

STADTEXPERTISE

Viele Städte planen Gutscheinaktionen zur Belebung der Innenstädte nach Corona. Die Idee: Kunden kaufen einen Gutschein mit entsprechendem Gegenwert und bekommen von der Stadt einen zusätzlichen Bonuswert geschenkt obendrauf – zum Beispiel zwanzig Prozent. Auch der Rat der Stadt Minden hat jetzt solch eine Gutscheinaktion befürwortet und die Durchführung genehmigt.

Was sind die Chancen von Gutscheinaktionen für Städte? Was sind die Risiken? Das Herz der Stadt hat darüber mit Marketingexperte und Berater Edgar Wilkening gesprochen. Das Gespräch führte Sebastian Meier.

INTERVIEW
Die Stadt mit dem Rabattschlacht-Plus:
Kann das gutgehen?

Das Herz der Stadt:
Minden plant, den privaten Konsum in der Innenstadt mit Gutscheinen anzukurbeln. Wer 100 Euro bezahlt, kann für 120 Euro konsumieren. Gute Aktion?

Edgar Wilkening:
Gutscheinaktionen sind ein zweischneidiges Schwert. Sie funktionieren wie Rabatte. Der Kunde wird mit einem finanziellen Vorteil zum Kauf bzw. Konsumieren verlockt. Das kann eine gefährliche Mechanik in Gang setzen.

Was meinen Sie damit?

Konsumenten haben ein sehr feines Gespür für Anbieter und für Preise. Beispiel Möbelhandel: Die Konsumenten wissen, dass der Möbelhandel alle paar Tage eine Rabattaktion fährt. „Mehrwertsteuer geschenkt“, „20 Prozent auf alles“ und so weiter.

Menschen erleben das, internalisieren es als Muster und richten ihr Konsumverhalten danach aus. Das neue Sofa, die neue Schrankwand werden also gekauft, wenn wieder so eine Aktion ist. Das machen nicht alle Kunden so, aber doch das Gros. Die Umsatzzahlen während solcher Aktionen sind da sehr deutlich.

Dann fällt so eine Gutscheinaktion in der Innenstadt doch auf fruchtbaren Boden, oder?

Die entscheidende Frage ist: Welche Botschaft bleibt hängen? Was verankert die Gutscheinaktion mittel- und langfristig in den Köpfen der Menschen? Wenn nämlich ein Muster etabliert wird, „Minden ist die Stadt mit den Gutscheinen, die Stadt mit dem Rabatt obendrauf“, dann setzt das eine verhängnisvolle Spirale in Gang.

Dann kommt man schnell in eine Situation, in der Menschen nach Minden fahren, wenn es wieder Gutscheine gibt. Das ist dann gelernt. Auch hier, wie beim Möbelhandel: Das gilt nicht für alle. Aber wenn sich so ein Muster in den Köpfen etabliert, wird es kritisch.

Sie meinen, Gutscheinaktionen sind eigentlich die Totengräber der Innenstädte?

Jedenfalls ein zweischneidiges Schwert. Kurzfristig wird das durchaus für Resonanz sorgen. Aber man muss extrem maßvoll damit umgehen, damit es keinen Schaden anrichtet. Man muss bei solchen Aktionen immer klipp und klar sagen: „Das ist einmalig; das ist aus besonderem Anlass: Corona; das wird es nicht wieder geben.“

Wenn man etwas anderes kommuniziert, wird es gefährlich. Sobald Menschen internalisieren: „Wenn ich lange genug nicht einkaufen gehe in Minden, gibt es wieder Gutscheine“, dann gerät die Innenstadt in eine Rabattschlacht, die sie nicht gewinnen kann. Deshalb bereitet es mir große Sorge, wenn ich fraktionsübergreifend höre, dass die Gutscheinaktion keine Einzelmaßnahme bleiben soll.

Was müsste geschehen, damit das nicht passiert?

Klipp und klar sagen: Diese Gutscheinaktion ist als Ereignis vollkommen singulär. Die absolute Ausnahme. Das bedarf einer klugen Kommunikationsstrategie. Ohnehin ist doch die Frage: Wie sinnvoll ist es, wenn sich Nachbarstädte mit Rabattschlachten gegenseitig die Kunden abspenstig machen? Sich Kunden zu kaufen durch Gutscheine und Rabatte ist keine nachhaltige Strategie, sondern führt nur tiefer in die Abwärtsspirale.

Klüger wäre es als Stadt, der Strategie von Premiumanbietern zu folgen: ein hochwertiges, einzigartiges Angebot zu schaffen, das so attraktiv und begehrenswert ist, dass man auf Preisnachlässe verzichten kann. Das Besondere herstellen statt das Mittelmäßige zu fördern. Das wäre ein Weg, für den kluge Politik den Rahmen schaffen müsste – statt Menschen mit Bargeld zu locken.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Sebastian Meier.

Edgar Wilkening ist vielfach ausgezeichneter Marketingexperte und Strategieberater. Er hat in den vergangenen Jahrzehnten für Dutzende nationaler und internationaler Marken und Unternehmen gewirkt.

Hinweis: Edgar Wilkening ist Gründer und Betreiber der Plattform Das Herz der Stadt.

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