Allein unter Nachbarn Minden verliert nicht gegen München. Minden verliert gegen Porta Westfalica

Allein unter Nachbarn
Minden verliert nicht gegen München. Minden verliert gegen Porta Westfalica

Symbolbild © Illustration: Das Herz der Stadt, 2026

Allein unter Nachbarn
Minden verliert nicht gegen München. Minden verliert gegen Porta Westfalica

Autor Edgar Wilkening

Autor Edgar Wilkening. Hat in seiner Hamburger Phase aktiv an Stadtentwicklungs-Konzepten in der Hansestadt an der Elbe mitgewirkt – und schüttelt nur den Kopf, wie das Potenzial der kleinen Hansestadt an der Weser vor die Wand gefahren wird.

RANG 315 IN NRW
Die Vermessung einer Stadt

Sechsteilige Serie

Sechs amtlich vermessene Befunde über eine Mittelstadt, die den Wettbewerb verschläft, in dem sie längst steht. Zahlen, Ursachen, Zusammenhänge. Adressat: das Rathaus. Musterbeispiel: Minden. Gemeint: viele.

Spielen wir es durch. Ein mittelständisches Unternehmen, sagen wir aus der Zulieferindustrie, sucht zwanzigtausend Quadratmeter in Ostwestfalen – Halle, Verwaltung, Erweiterungsoption.

Die Anfrage landet, wie solche Anfragen eben landen, bei Wirtschaftsförderungen, Maklern, Verbänden, und dann beginnt sie zu wandern. Sie wandert nach Porta Westfalica, wo die A2 vorbeirauscht und Gewerbeflächen in Sichtweite der Anschlussstelle liegen.

Sie wandert nach Bad Oeynhausen, wo sich A2 und A30 kreuzen wie sonst nirgends im Kreis. Sie wandert nach Espelkamp, wo Weltmarktführer neben Weltmarktführer sitzt und ein Neuzugang einfach dazugehören würde.

Und Minden? Minden hat für diese Anfrage die B65 im Angebot, eine Bundesstraße mit Ampeln. Die Anfrage wandert weiter. Sie kommt gar nicht erst richtig an.

Das ist, in einer einzigen erfundenen, aber jederzeit wiederholbaren Episode, das Thema dieses fünften Teils: Minden verliert. Aber nicht gegen die Gegner, die man sich gern erzählt – nicht gegen Hamburg, nicht gegen München, nicht gegen die große weite Welt, in die die Küken aus Teil vier davonfliegen.

Minden verliert gegen die eigene Nachbarschaft. Und das ist die eigentlich unangenehme Nachricht. Denn:

Gegen München zu verlieren ist keine Schande. Gegen Porta schon

Die Belege stehen in Statistiken, die diese Serie inzwischen gut kennt. Nehmen wir zuerst den Tourismus, Teil drei lässt grüßen: Der Kreis Minden-Lübbecke verbuchte zuletzt über 1,4 Millionen Übernachtungen im Jahr – Tendenz steigend, plus in beiden letzten Jahren.

Die Stadt Minden steuert dazu 104.877 bei. Das Verhältnis ist so schief, dass man nachrechnet: Die größte Stadt des Kreises, Verwaltungssitz, Dom, Theater, gut ein Viertel der Kreisbevölkerung – liefert gut sieben Prozent der Kreis-Übernachtungen.

Und während der Kreis wächst, schrumpft Minden, zwei Jahre in Folge. Der Gast bleibt im Kreis durchschnittlich 4,6 Tage – die Bäder in Bad Oeynhausen machen es möglich. In Minden bleibt er 1,6.

Der Kreis ist eine Destination. Seine Hauptstadt ist ihre Durchfahrt

Und jetzt die Zahlen, die noch nicht in dieser Serie standen, und die es in sich haben. Die Bertelsmann Stiftung vermisst für jede Kommune die Wanderungsbewegungen nach Lebensphasen.

Für Porta Westfalica, 36.000 Einwohner, direkt vor Mindens Haustür, weist sie aus: Bildungswanderung minus 17,3 je 1.000 – die jungen Portaner ziehen zur Ausbildung fort, viele von ihnen mutmaßlich dorthin, wo Campus und Berufskollegs stehen: nach Minden, dessen Bildungswanderung mit plus 13 im Plus liegt. So weit, so arbeitsteilig.

Aber dann kommt die Familienwanderung, also der Saldo der jungen Eltern mit Kindern – der Lebensphase, in der aus Auszubildenden Verdiener geworden sind, mit Einkommen, Kinderwagen und Bauspardarlehen. Minden: plus 14,8. Porta: plus 21,1. Petershagen: plus 20,0. Hille: plus 22,3.

Der ganze Ring um die Stadt zieht Familien stärker an als die Stadt selbst

Und im ganzen Ring ist auch das Gegenstück identisch: Petershagen verliert seine Jungen mit minus 33,9 an die Ausbildungsorte, Hille mit minus 22,2, Porta mit minus 17,3. Drei Nachbarn, ein identisches Muster – hier hat sich eine Region eingespielt.

Man muss diese vier Zahlen nur nebeneinanderlegen, dann erzählen sie eine komplette Biografie: Mit achtzehn zieht man zur Ausbildung nach Minden.

Mit dreißig, wenn das Gehalt stimmt und das erste Kind da ist, zieht man nach Porta, Hille oder Petershagen – ins Reihenhaus mit Garten, zwanzig Autominuten vom alten Leben entfernt.

Die Region benutzt Minden als Ausbildungsstation und das Umland als Wohnzimmer

Die Stadt Minden bekommt die Lebensphase mit dem kleinsten Einkommen und verabschiedet die mit dem größten.

Teil drei hat vermessen, dass der Tourist 1,6 Tage bleibt. Jetzt wissen wir: Der Bewohner macht es strukturell genauso, nur in Jahren statt Tagen. Minden ist die Durchfahrtsstadt – auch für die eigenen Leute.

Nun könnte man achselzuckend sagen: So ist Arbeitsteilung, jeder hat seine Rolle, der Kreis als Ganzes steht ja gut da.

Nur ist die Arbeitsteilung erstaunlich einseitig kalkuliert. Denn die Familie, die in Porta wohnt, lebt ja weiter von Minden: Sie fährt zum Stadttheater und in die Museen, ihr Kind besucht das Gymnasium, im Ernstfall das Klinikum, am Samstag – nun ja, früher jedenfalls – die Innenstadt.

All diese Infrastruktur einer zentralen Mittelstadt bezahlt Minden aus einem Haushalt, dem genau die Einkommen fehlen, die nebenan wohnen

Die Kosten der Zentralität trägt die Stadt, die Einkommensteuer-Anteile und die Grundsteuern der Bestverdiener-Familien kassiert das Umland.

Für diese Arbeitsteilung gibt es inzwischen sogar amtliche Etiketten: Die Bertelsmann Stiftung sortiert Hille – die Landgemeinde vor Mindens Toren, anderthalb Einwohner pro Hektar – in ihrer Demografietypisierung als „Typ 8: Wohlhabende Städte und Gemeinden in wirtschaftlich dynamischen Regionen“ ein.

Minden dagegen: „Typ 6: Städte und Wirtschaftsstandorte mit sozioökonomischen Herausforderungen“.

Das Dorf gilt als wohlhabend, das Oberzentrum als Problemfall, und beide liegen zehn Kilometer auseinander

Die IHK-Kaufkrafttabelle, mit der diese Serie begann, übersetzt die Etiketten in Euro: Hille steht dort 2026 mit 32.506 Euro pro Kopf auf Platz zehn von ganz Ostwestfalen – über dem Bundesschnitt, noch vor der Stadt Gütersloh, kaufkraftstärkste Kommune des gesamten Mühlenkreises.

Minden: 28.544 Euro, drei Ränge vor dem letzten Platz. Zwischen dem Dorf und seiner Stadt liegen damit fast viertausend Euro pro Kopf und Jahr; bei einer vierköpfigen Familie ist das ein Kleinwagen. Jedes Jahr.

Und so schließt sich, zum fünften Mal in dieser Serie, der Kreis an derselben Adresse: Rang 315 von 396 beim verfügbaren Einkommen ist auch das Ergebnis einer Region, die ihre Einkommen ums Zentrum herum drapiert wie einen Ring – und das Zentrum leer lässt.

Das Bitterste daran: Niemand im Kreis hat ein Problem damit. Porta nicht, Bad Oeynhausen nicht, Espelkamp schon gar nicht – aus deren Perspektive funktioniert alles prächtig.

Ein Problem hat nur Minden. Und Minden verhält sich, als hätte es keines

Andere Wirtschaftsräume treten längst als Einheit auf, vermarkten sich gemeinsam, verteilen Flächen, Cluster und Klinikstandorte strategisch und holen Ansiedlungen als Region, nicht als Einzelkämpfer.

Im Mühlenkreis wurstelt derweil jeder für sich, und die größte Stadt – die natürliche Wortführerin einer solchen Allianz, die Namensgeberin des ganzen Kreises! – führt nichts an, moderiert nichts, bündelt nichts. Der Kirchturm überragt die Landschaft. Aber er hat ihr nichts zu sagen.

Dabei wäre die Rollenverteilung so klar. Eine Region ist ein Mannschaftssport: Einer hat die Autobahn, einer die Bäder, einer die Weltmarktführer – und einer müsste das Zentrum sein, der Ort mit der Dichte, der Kultur, dem urbanen Versprechen, der Grund, warum die Ingenieurin aus Teil zwei überhaupt in diese Gegend zieht, bevor sie sich ihr Reihenhaus im Umland sucht. Diese Rolle ist unbesetzt.

Minden müsste die Rolle nur spielen wollen – und Mindens Politik dafür zuallererst begreifen, dass man in einem Spiel steht

Das Mindener Rathaus müsste den Schritt wagen heraus aus der Ahnungslosigkeit. Die Zahlen liegen alle auf dem Tisch, sie sind alle öffentlich verfügbar. Jeder und jede Stadtverordnete, jeder Stadtentwickler oder Bürgermeister könnte sie kennen. Man müsste sich nur mal anfangen dafür zu interessieren – statt sinnlose Symbolpolitik zu betreiben.

Bis dahin bleibt der treffendste Kommentar zur Lage ein Bauwerk. Und es steht seit 1896. Das berühmteste Wahrzeichen weit und breit, das Fotomotiv des Kreises, der Kaiser hoch über der Weser – steht in Porta Westfalica.

Selbst das Denkmal hat sich fürs Umland entschieden. Von dort oben kann man übrigens ganz Minden sehen. Man kann von dort sogar sehen, was aus Minden werden könnte. Man müsste nur mal hinauffahren und hinschauen.

Der Blick ist kostenlos. Und er gehört natürlich, na klar: dem Nachbarn.


Quellen: IT.NRW, Landesdatenbank NRW, Monatserhebung im Tourismus, Tabellen 45412-01i und 45412-05i, Jahreswerte Stadt Minden und Kreis Minden-Lübbecke 2021–2025 (Abruf 15.07.2026); IHK Ostwestfalen zu Bielefeld, „Ostwestfälische Wirtschaft“, Juni 2026, Kaufkraftanalyse 2026 auf Basis Michael Bauer Research GmbH: Hille 32.506 €, Minden 28.544 €, Espelkamp 24.888 €, OWL 30.800 €, Bund 32.009 € je Kopf; Bertelsmann Stiftung, Wegweiser Kommune, Demografieberichte Minden, Porta Westfalica, Petershagen und Hille sowie Integrationsbericht Bad Oeynhausen (Datenstand 2023, Abrufe 2026): Familienwanderung Minden +14,8 / Porta +21,1 / Petershagen +20,0 / Hille +22,3, Bildungswanderung Minden +13,0 / Porta −17,3 / Petershagen −33,9 / Hille −22,2, Wanderungssaldo Bad Oeynhausen +9,5 (jeweils je 1.000 Einwohner:innen); dies., Demografietypisierung: Hille = Typ 8 „Wohlhabende Städte und Gemeinden in wirtschaftlich dynamischen Regionen“, Minden = Typ 6 „Städte/Wirtschaftsstandorte mit sozioökonomischen Herausforderungen“; IT.NRW, Kommunalprofil Minden, Stadt (Stand 15.01.2026): verfügbares Einkommen je Einwohner, Rang 315 von 396 Gemeinden in NRW.

RANG 315 IN NRW
Die Vermessung einer Stadt

Sechsteilige Serie

Sechs amtlich vermessene Befunde über eine Mittelstadt, die den Wettbewerb verschläft, in dem sie längst steht. Zahlen, Ursachen, Zusammenhänge. Adressat: das Rathaus. Musterbeispiel: Minden. Gemeint: viele.

Folge 1: Willkommen in der C-Lage
Warum Mindens Innenstadt verramscht und bunte Bälle nichts daran ändern werden

Folge 2: Das unsichtbare Vorstellungsgespräch
Warum Mindens Innenstadt Personalentscheidungen trifft, von denen sie nichts weiß

Folge 3: Wo das Weserbergland aufhört
Warum Touristen durch die Stadt hindurchfahren, in der Schiffe über Schiffe fahren

Folge 4: Der Exportschlager
Mindens erfolgreichstes Produkt verlässt die Stadt mit neunzehn – und die Bilanz sieht trotzdem gut aus

Folge 5: Allein unter Nachbarn
Minden verliert nicht gegen München. Minden verliert gegen Porta Westfalica

Folge 6: Zehn Kilometer bergab (wird in Kürze freigeschaltet)
Eine Radtour von der reichsten Gemeinde des Kreises in seine ärmste Stadt – und die Rechnung, die seit Jahren unbezahlt im Rathaus liegt


Kommentar: Die Bringschuld (wird in Kürze freigeschaltet)
Ein Kommentar nach sechs Folgen "RANG 315 IN NRW"


Interaktive Grafiken zeigen die strukturellen Probleme der Stadt auf Rang 315 in Nordrhein-Westfalen. Ansehen, ausprobieren, interagieren:

Infografik 1: Die Kaufkraft-Abfahrt – Mit dem Fahrrad Tausende Euro bergab
Schon mal 4.000 Euro abwärts geradelt, aber null Höhenmeter? In Minden möglich ...

Infografik 2: Wieviel Geld fehlt Ihrem Haushalt, wenn Sie in Minden wohnen?
Und wie summiert sich der statistische Fehlbetrag im Laufe von zehn Jahren?

Warum liest man derart präzise Analysen nicht in der Zeitung?

Gute Frage! Falls Sie dabei an eine ganz bestimmte Zeitung denken, müssten Sie dort mal direkt nachfragen. Grundsätzlich gilt aber: Lokaljournalisten sind so eitel, dass sie sich viel zu gerne gemein machen mit Politik und Verwaltung. Man kann beobachten, wie sie sich ungeniert einladen lassen, wenn Stadt und Politik ihre  Sommerfeste feiern. Dann sitzen die angeblich ach so kritischen Beobachter fröhlich mittendrin – wie z.B. am Freitag, 10. Juli 2026 im Biergarten des Hotel Bad Minden.

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Mindens erfolgreichstes Produkt verlässt die Stadt mit neunzehn – und die Bilanz sieht trotzdem gut aus

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Der Exportschlager Mindens erfolgreichstes Produkt verlässt die Stadt mit neunzehn – und die Bilanz sieht trotzdem gut aus

Der Exportschlager
Mindens erfolgreichstes Produkt verlässt die Stadt mit neunzehn – und die Bilanz sieht trotzdem gut aus

Symbolbild © Illustration: Das Herz der Stadt, 2026

Der Exportschlager
Mindens erfolgreichstes Produkt verlässt die Stadt mit neunzehn – und die Bilanz sieht trotzdem gut aus

Autor Edgar Wilkening

Autor Edgar Wilkening. Hat in seiner Hamburger Phase aktiv an Stadtentwicklungs-Konzepten in der Hansestadt an der Elbe mitgewirkt – und schüttelt nur den Kopf, wie das Potenzial der kleinen Hansestadt an der Weser vor die Wand gefahren wird.

RANG 315 IN NRW
Die Vermessung einer Stadt

Sechsteilige Serie

Sechs amtlich vermessene Befunde über eine Mittelstadt, die den Wettbewerb verschläft, in dem sie längst steht. Zahlen, Ursachen, Zusammenhänge. Adressat: das Rathaus. Musterbeispiel: Minden. Gemeint: viele.

Man muss rund um Heiligabend auf den Weihnachtsmarkt gehen, um Mindens erfolgreichstes Exportprodukt zu besichtigen.

Es kommt einmal im Jahr zurück, für drei, vier Tage, steht mit Glühwein zwischen den Buden und erzählt. Von der Promotion in München. Von der Station in Singapur. Vom Umzug nach Hamburg, endlich Elbblick. Die Daheimgebliebenen hören zu, nicken, freuen sich ehrlich – man kennt sich ja seit der Grundschule.

Dann reist das Exportprodukt wieder ab, und die Stadt nennt das, was da gerade stattgefunden hat, Heimatverbundenheit. Die Statistik nennt es anders: Fortzug.

Eine abgehängte Stadt als nützliche Aufzuchtstation

So muss man es wohl beschreiben, nüchtern und ohne jede Häme: Minden betreibt eine der liebevollsten Aufzuchtstationen des Landes.

Die Küken werden hier gepäppelt mit allem, was eine Kommune aufbieten kann – Kitas, Schulen in jeder Ausbaustufe, Musikschule, Austauschjahre, Vereine, ein Klinikum mit Universitätsanspruch, ein Campus. Die Stadt investiert in ihre Kinder mit einer Hingabe, die man ihr hoch anrechnen muss.

Und dann, wenn die Küken flügge sind, geschieht das, wofür gute Aufzucht da ist: Sie fliegen. Nach Bielefeld, Münster, Hamburg, Berlin, gern auch gleich nach London oder Boston. Die Stadt ist stolz. Die Eltern sind stolz. Die Abi-Zeitung druckt die Zukunftspläne, und keiner der Pläne enthält das Wort Minden.

Vorwerfen kann man das niemandem. So läuft die Welt: Junge Menschen mit Studienberechtigung ziehen dorthin, wo sich Chancen bieten, Hörsäle stehen und Milieus locken. Jede Mittelstadt verliert ihre Abiturienten. Die Frage ist nur, was danach passiert – und was in der Zwischenzeit mit der Buchführung.

Eigentlich müsste hier jetzt die Zahl vom großen Ausbluten der Stadt stehen

Sie kommt nicht. Und das ist die eigentliche Überraschung dieses Textes. Wer in der Demografie-Datenbank der Bertelsmann Stiftung nachschlägt, findet für Minden Werte, die auf den ersten Blick wie eine Entwarnung aussehen.

Die sogenannte Bildungswanderung – der Wanderungssaldo der 18- bis 24-Jährigen – liegt bei plus 13 je 1.000. Die Familienwanderung bei plus 14,8. Der gesamte Wanderungssaldo: plus 7,6.

Es ziehen mehr Menschen nach Minden als fort. Die Stadt wächst. Kein Ausbluten weit und breit, das Melderegister strahlt.

Man kann förmlich hören, wie im Rathaus die Aktenmappe zuklappt: Kein Handlungsbedarf. Der Denkfehler steckt im Zählwerk:

Ein Melderegister zählt Köpfe. Es zählt nicht, was die Köpfe verdienen werden

Um zu verstehen, wie eine wachsende Stadt gleichzeitig ärmer werden kann, muss man nur zwei Behörden nebeneinanderlegen, die ganz verschieden rechnen.

Das Einwohnermeldeamt rechnet in Köpfen. Einer geht, einer kommt: Saldo null – in Minden derzeit sogar plus. Aus dieser Perspektive ist alles in Ordnung, und genau diese Perspektive steht in jeder Wachstumsmeldung: Läuft bei uns.

Das Finanzamt aber rechnet in Erwerbsbiografien, und da sieht exakt derselbe Vorgang völlig anders aus.

Denn mit der Abiturientin, die geht, verlässt nicht einfach „eine Einwohnerin“ die Stadt – es verlässt eine komplette Einkommenskarriere die Stadt: das Examen, die Facharztstelle, die Beförderungen, die dreißig besten Verdienstjahre eines Lebens samt Einkommensteuer, Konsum und irgendwann einem Eigenheim.

All das wird künftig verbucht, nur eben in Münster, Hamburg oder Seoul

Der Mensch, der stattdessen zuzieht – der Auszubildende, die Geflüchtete, der Zuzügler aus dem Umland beginnt seine Mindener Jahre dagegen am Anfang einer Einkommensleiter. Mancher ganz, ganz weit unten.

Die Bertelsmann-Methodik vermerkt selbst, dass die Fluchtzuwanderung die klassische Bildungswanderung inzwischen überlagert. Das sind Menschen mit Zukunft, manche mit großer. Aber das Melderegister verbucht beim Zuzug ein Heute – und gegangen ist ein Morgen.

Minden macht also, Jahr für Jahr und ohne es zu merken, folgendes Tauschgeschäft: Es gibt Obstbäume ab, kurz bevor sie zum ersten Mal tragen, und pflanzt dafür Setzlinge nach.

Wer zählt, findet den Garten stets voll – die Bestandsliste stimmt, das Register strahlt. Nur geerntet wird woanders

Und dass woanders geerntet wird, steht amtlich fest, zweifach. Erstens: Beim verfügbaren Einkommen je Einwohner rangiert Minden auf Platz 315 von 396 Gemeinden in Nordrhein-Westfalen. Viertletzter Platz in OWL. Eine Zahl, die Leser dieser Serie kennen. Sie ist ihr heimliches Wasserzeichen.

Zweitens: Dieselbe Bertelsmann Stiftung, deren Wanderungssaldo für Minden so freundlich aussieht, sortiert die Stadt in ihrer Demografietypisierung ein als „Typ 6: Städte und Wirtschaftsstandorte mit sozioökonomischen Herausforderungen“.

Beide Befunde zusammen lassen nur einen Schluss zu: Wenn der Zuzug die Abwanderung wirklich ersetzen würde, könnten diese zwei Zeilen nicht existieren. Die Bilanz stimmt. Der Inhalt nicht.

Dazu kommt eine dritte Zahl, die leiseste und vielleicht ernsteste: Der natürliche Saldo der Stadt liegt bei minus 3,4 – auf je 1.000 Einwohner kommen 9,2 Geburten und 12,6 Sterbefälle. Ohne das Tauschgeschäft würde Minden schlicht schrumpfen. Die Stadt ist auf genau die Zuwanderung angewiesen, deren Einkommenslücke sie nicht schließt. Komfortable ist das nicht: Es ist wie auf einem Laufband, auf dem man rennt, um nicht zurückzurollen.

Und was macht die Stadt aus alledem? Sie erzählt Erfolgsgeschichten. Der Chefarzt in der Schweiz, „ein Mindener“. Die Professorin in Aachen, „aufgewachsen bei uns“. Der Gründer in München, „hat hier sein Abi gemacht“. Der Berliner Ombudsmann der Lokalzeitung, „hat sein Elternhaus in Minden“.

Jede dieser Geschichten wird mit ehrlichem Stolz erzählt. Und jede ist, buchhalterisch betrachtet, eine Verlustanzeige.

Ein Spitzeneinkommen, ausgebildet mit Mindener Kita-Plätzen und Mindener Lehrerstunden – veranlagt bei einem Finanzamt einer anderen Stadt

Minden feiert seine Exporterfolge wie ein Unternehmen, das vergessen hat, Rechnungen zu stellen.

Und die Politik? Arbeitet unverdrossen daran, die Bildungslandschaft weiter zu verbessern – was richtig ist, was ehrenwert ist, und was, solange nichts anderes dazukommt, vor allem eines bewirkt: Es macht Mindens Exportschlager noch erfolgreicher – und die Stadt wieder ärmer.

Denn das fehlende Stück ist ja nicht die Aufzucht. Es ist der Grund zur Rückkehr. Wer mit 19 geht, entscheidet mit 32 noch einmal neu – wenn Kinder kommen, wenn die Großstadtmiete drückt, wenn die Eltern älter werden.

In diesem Fenster, und nur in diesem, kann eine Mittelstadt ihre Küken eventuell zurückgewinnen, samt Einkommen, Netzwerk und Gestaltungswillen.

Und was findet der Rückkehrwillige vor? Die Leser dieser Serie kennen die Antwort aus drei Folgen: eine Innenstadt auf C-Lagen-Niveau, einen Samstagnachmittag, der Personalentscheidungen fällt, eine Stadt, in der man amtlich vermessen 1,6 Tage bleibt.

Der Weihnachtsmarkt im Dezember ist das einzige Rückkehrprogramm, das zuverlässig funktioniert – drei Tage Laufzeit, Glühwein inklusive, Abreise garantiert.

So schließt sich der Kreis dieser Serie ein weiteres Mal, und wieder wartet am Ende die selbe Adresse: die Kaufkraft. Die C-Lage vertreibt die Einkommen von morgen, und die fehlenden Einkommen von morgen zementieren die C-Lage.

Die Küken fliegen, der Stall wird nachgefüllt, die Zählung stimmt – das Konto nicht. Und irgendwo in einem Hamburger Loft sitzt derweil das Plus dieser Stadt, gut ausgebildet, bestens verdienend, und bucht schon mal die Heimfahrt – für Weihnachten, drei Tage, wie immer.


Quellen: Bertelsmann Stiftung, Wegweiser Kommune, Demografiebericht Minden (Datenstand 2023, Abruf 19.07.2026): Bildungswanderung +13,0, Familienwanderung +14,8, Wanderungssaldo +7,6, natürlicher Saldo −3,4, Geburten 9,2, Sterbefälle 12,6 (jeweils je 1.000 Einwohner:innen); dies., Demografietypisierung: Minden = Typ 6 „Städte/Wirtschaftsstandorte mit sozioökonomischen Herausforderungen“; Methodikhinweis der Stiftung zur Überlagerung der Bildungswanderung durch Fluchtzuwanderung; IT.NRW, Kommunalprofil Minden, Stadt (Stand 15.01.2026): verfügbares Einkommen je Einwohner, Rang 315 von 396 Gemeinden in NRW.

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Sechsteilige Serie

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Folge 1: Willkommen in der C-Lage
Warum Mindens Innenstadt verramscht und bunte Bälle nichts daran ändern werden

Folge 2: Das unsichtbare Vorstellungsgespräch
Warum Mindens Innenstadt Personalentscheidungen trifft, von denen sie nichts weiß

Folge 3: Wo das Weserbergland aufhört
Warum Touristen durch die Stadt hindurchfahren, in der Schiffe über Schiffe fahren

Folge 4: Der Exportschlager
Mindens erfolgreichstes Produkt verlässt die Stadt mit neunzehn – und die Bilanz sieht trotzdem gut aus

Folge 5: Allein unter Nachbarn
Minden verliert nicht gegen München. Minden verliert gegen Porta Westfalica

Folge 6: Zehn Kilometer bergab (wird in Kürze freigeschaltet)
Eine Radtour von der reichsten Gemeinde des Kreises in seine ärmste Stadt – und die Rechnung, die seit Jahren unbezahlt im Rathaus liegt


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Interaktive Grafiken zeigen die strukturellen Probleme der Stadt auf Rang 315 in Nordrhein-Westfalen. Ansehen, ausprobieren, interagieren:

Infografik 1: Die Kaufkraft-Abfahrt – Mit dem Fahrrad Tausende Euro bergab
Schon mal 4.000 Euro abwärts geradelt, aber null Höhenmeter? In Minden möglich ...

Infografik 2: Wieviel Geld fehlt Ihrem Haushalt, wenn Sie in Minden wohnen?
Und wie summiert sich der statistische Fehlbetrag im Laufe von zehn Jahren?

Warum liest man derart präzise Analysen nicht in der Zeitung?

Gute Frage! Falls Sie dabei an eine ganz bestimmte Zeitung denken, müssten Sie dort mal direkt nachfragen. Grundsätzlich gilt aber: Lokaljournalisten sind so eitel, dass sie sich viel zu gerne gemein machen mit Politik und Verwaltung. Man kann beobachten, wie sie sich ungeniert einladen lassen, wenn Stadt und Politik ihre  Sommerfeste feiern. Dann sitzen die angeblich ach so kritischen Beobachter fröhlich mittendrin – wie z.B. am Freitag, 10. Juli 2026 im Biergarten des Hotel Bad Minden.

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Es steht in der Eigenwerbung der Tourismusbranche: Das Weserbergland wird „im Norden von Minden begrenzt“. Nicht etwa gekrönt – sondern begrenzt! Warum Gäste im...
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Bewerbungsbogen der Stadt Minden mit Stempel Abgelehnt
Juli 18 2026

Das unsichtbare Vorstellungsgespräch –
Warum Mindens Innenstadt Personalentscheidungen trifft, von denen sie nichts ahnt" > Das unsichtbare Vorstellungsgespräch –
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Juli 13 2026

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Ein Billigheimer nach dem anderen eröffnet in Minden. Und wo bleiben die Top-Geschäfte? Wer sich das fragt, muss sich nur eine einzige Zahl ansehen. Sie erklärt, warum...
Geisterstadt Minden" >
Nov. 21 2023

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Der Kaiser ist ja nackt!" > Die Berater waren in der Stadt – und niemand rief: Der Kaiser ist ja nackt!

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Workshop zur Entwicklung der Mindener Innenstadt. Immerhin 1 Berater auf jeweils 3,5 Teilnehmer. Donnerwetter! Und was passiert da so? Unser Autor war dabei und hat...
Feb. 17 2022

Baukultur.NRW in Minden
zu Gast bei Das Herz der Stadt

Baukultur.NRW war zu Besuch in Minden: ein Vormittag mit inspirierenden Gesprächen über Bauen und Stadtentwicklung in Zukunft, gemeinsam mit Vertretern aus Politik und...
Feb. 01 2022

Dieses Video offenbart, was Mindens Marketing falsch macht – seit über 20 Jahren und heute immer noch

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Wo das Weserbergland aufhört Warum Touristen durch die Stadt hindurchfahren, in der Schiffe über Schiffe fahren

Wo das Weserbergland aufhört
Warum Touristen durch die Stadt hindurchfahren, in der Schiffe über Schiffe fahren

Symbolbild © Illustration: Das Herz der Stadt, 2026

Wo das Weserbergland aufhört
Warum Touristen durch die Stadt hindurchfahren, in der Schiffe über Schiffe fahren

Autor Edgar Wilkening

Autor Edgar Wilkening. Hat in seiner Hamburger Phase aktiv an Stadtentwicklungs-Konzepten in der Hansestadt an der Elbe mitgewirkt – und schüttelt nur den Kopf, wie das Potenzial der kleinen Hansestadt an der Weser vor die Wand gefahren wird.

RANG 315 IN NRW
Die Vermessung einer Stadt

Sechsteilige Serie

Sechs amtlich vermessene Befunde über eine Mittelstadt, die den Wettbewerb verschläft, in dem sie längst steht. Zahlen, Ursachen, Zusammenhänge. Adressat: das Rathaus. Musterbeispiel: Minden. Gemeint: viele.

Es gibt Sätze, die tun gar nicht weh, wenn man sie liest. Erst beim zweiten Mal.

Der Weserbergland Tourismus e.V., zuständig für die Vermarktung einer der lieblichsten Ferienlandschaften Norddeutschlands, beschreibt sein Reich so: Die Urlaubsregion erstreckt sich entlang der Weser und wird im Süden von Hann. Münden begrenzt – und im Norden von Minden.

Von Minden begrenzt. Nicht: durch Minden bereichert. Nicht: in Minden gekrönt. Sondern begrenzt.

Minden ist in dieser Erzählung nicht das Ziel der Reise, sondern ihr Ende. Der Ort, an dem das Urlaubsland aufhört und etwas anderes beginnt, für das sich der Prospekt nicht mehr zuständig fühlt.

Man könnte das für eine sprachliche Petitesse halten – wüsste man nicht, dass dahinter ein Vierteljahrhundert Realgeschichte steckt. Denn 25 Jahre lang war Minden nicht einmal Mitglied im Tourismusverband seiner eigenen Flusslandschaft; ältere Beschreibungen des Weserberglands enden folgerichtig schon in Porta Westfalica.

Erst Mitte 2025 trat die Stadt dem Verband wieder bei, und der feierte es artig als „Lückenschluss“: Nach einem Vierteljahrhundert sei das Weserbergland „nun wieder vollständig“.

Die Urlaubsregion war 25 Jahre lang unvollständig, und das fehlende Stück war Minden – freiwillig.

Während der Weser-Radweg zu Deutschlands beliebtestem Radfernweg aufstieg, saß die Stadt ein Vierteljahrhundert lang vor der Tür ihrer eigenen Urlaubsregion und diskutierte – wie die Pressemitteilung des Verbands trocken vermerkt – „immer wieder“, ob man vielleicht hineingehen solle.

Dazu klebt die Stadt am äußersten Nordostrand der NRW-Tourismusregion Teutoburger Wald – jahrzehntelang war Minden so das Kernprodukt von niemandem: eine Randlage im Quadrat, die Nahtstelle zweier Kataloge, in denen sie jeweils auf den letzten Seiten wohnte. Kein Reiseveranstalter dachte von Minden aus. Alle dachten bis Minden.

Und ehe jemand einwendet, mit dem Beitritt sei das ja nun erledigt: Im Jahr des Wiedereintritts sanken Mindens Übernachtungszahlen weiter, um 4,1 Prozent.

Eine Mitgliedsurkunde ist eben noch kein Produkt. Sie ist das Eingeständnis, 25 Jahre lang keines gehabt zu haben

Wie es anders ginge, kann man besichtigen, ohne die Weser zu verlassen. Sechzig Kilometer flussaufwärts liegt Hameln: 58.000 Einwohner, also spürbar kleiner als Minden mit seinen 84.000.

Im Jahr 2024 zählte Hameln fast 130.000 Gästeankünfte – ein neuer Rekord – und über 260.000 Übernachtungen, darunter fast 28.000 von ausländischen Gästen, Tendenz steigend.

Das sind, auf die Einwohnerzahl gerechnet, rund 4.500 Übernachtungen je 1.000 Einwohner. Man muss nicht bis nach Heidelberg schauen, um zu sehen, wie Städtetourismus geht. Man muss nur die Weser hochfahren.

Und Minden? Die amtliche Zahl steht in der Landesdatenbank NRW.

Man muss die Zahl allerdings selbst herausklauben. Per Pressemitteilung gefeiert hat sie noch nie jemand

Und gleich wird klar, warum: 109.352 Übernachtungen im Jahr 2024, bei 68.159 Ankünften. Das sind rund 1.300 Übernachtungen je 1.000 Einwohner.

Hameln, die kleinere Stadt, macht absolut mehr als das Doppelte und pro Kopf das Dreieinhalbfache; Lüneburg, von der Einwohnerzahl her Mindens Zwilling, meldete für 2024 sogar 428.653 Übernachtungen als neuen Rekord – das Vierfache.

Und die Richtung in Minden stimmt auch nicht: Während die Übernachtungszahlen in NRW 2024 wie 2025 weiter zulegten und selbst der eigene Kreis Minden-Lübbecke wuchs, ging es in Minden zwei Jahre in Folge bergab – minus 5,1 Prozent, dann (im Jahr des Wiedereintritts in den Tourismusverband Weserbergland) noch einmal minus 4,1 auf zuletzt 104.877.

Der Landestrend zeigt nach oben, der Kreistrend zeigt nach oben; nur die größte Stadt des Kreises sackt durch. Und dann ist da noch die Zahl, die alles erzählt …

Durchschnittliche Aufenthaltsdauer in Minden: 1,6 Tage. Das ist nicht der Wert einer Destination, das ist der Steckbrief einer Zwischenstation

Eine Nacht, ein Frühstück, weiter. Der NRW-Schnitt liegt bei 2,2 Tagen, der eigene Kreis dank seiner Bäder bei 4,6. Minden ist, amtlich vermessen, der Ort, an dem man nicht bleibt.

Woran liegt’s? Die bequeme Antwort lautet: Hameln hat eben den Rattenfänger. Stimmt. Hameln besitzt eine Sage, die die Brüder Grimm vor zweihundert Jahren honorarfrei in den Weltmarkt eingespeist haben – ein Markenkern, für den andere Städte Agenturen bezahlen würden, die es gar nicht gibt.

Aber die bequeme Antwort ist auch die faule. Denn eine Reiseredaktion, die eine Stadt empfiehlt, braucht genau drei Dinge: ein Motiv, einen Satz, ein Superlativ. Und Minden hätte alle drei.

Das Motiv: die Luftaufnahme des Wasserstraßenkreuzes, dieses ingenieurgewordenen Staunens, das es in der Form in Deutschland exakt zweimal gibt. Der Satz: „Minden – wo Schiffe über Schiffe fahren.“ Sieben Wörter, jeder versteht sie in einer Sekunde, keiner glaubt sie sofort – und jeder will das Bild dazu sehen.

Dazu, als solides Puzzleteil im Gesamtbild, ein tausendjähriger Dom, Weserrenaissance, ein grüner Festungsring – alles ehrenwert, alles richtig. Nur soll sich niemand täuschen: Ein alter Dom ist kein Alleinstellungsmerkmal, sondern Grundausstattung. Andere Städte haben auch hübsche Dome, und meist größere.

Wer für Baugeschichte reist, bucht Köln, Aachen oder gleich Florenz. „Guck mal, wir haben auch richtig alte Denkmäler“ ist keine Positionierung, es ist ein Pflichtenheft-Häkchen.

Auffällig an Mindens touristischem Selbstbild ist ohnehin die Blickrichtung: Alles, womit die Stadt wirbt, ist mindestens hundert Jahre alt. Als hätte die Destination Minden um 1914 ihren Betrieb eingestellt und seither nur noch geöffnet zur Besichtigung des Bestands.

Das Kapital, aus dem Destinationen gemacht werden, heißt nicht Alter – es heißt Einzigartigkeit

Und die entsteht nicht im Mittelalter, sondern im Rathaus, durch Entscheidungen von heute.

Das Lehrbuchbeispiel kennt jeder Stadtplaner: Bilbao, eine schmuddelige Industriestadt am Ende ihrer Werften-Ära, baute ein Museum, gestaltet von Frank Gehry, und wurde zum Weltreiseziel. Der „Bilbao-Effekt“ hat es bis in die Fachliteratur geschafft.

Auch die Grenzen des Rezepts sind bekannt, und sie liegen näher, als man denkt: Herford hat es mit demselben Stararchitekten versucht und ein wirklich gutes Haus bekommen.

Aber eben ein Me-too, wie es im Marketing heißt: die Kopie einer Einzigartigkeit – was ein Widerspruch in sich ist. Die Lektion aus beiden Fällen lautet nicht „bau ein spektakuläres Museum“.

Sie lautet: Nimm, was nur du hast, und denke es kompromisslos nach vorn.

Kirmes, Weinfest, ein Open Air mit großem Namen? Alles schön, alles wichtig – als das, was es ist: bürgerfreundliche Infrastruktur, Lebensqualität für die, die schon da sind.

Eine Destination macht das nicht; die selbe Kirmes dreht sich in dreihundert anderen Städten. Und ein Konzertwochenende ist ein Termin, kein Reiseziel.

Verwechselt eine Stadt das eine mit dem anderen, hält sie ihren Veranstaltungskalender für eine Tourismusstrategie.

Wie ernst (oder gerade wenig ernst) es Minden mit dem eigenen einzigartigen Material ist, lässt sich an einem dokumentierten Fall besichtigen – und der ist so lehrreich, dass man ihn in Planungsseminaren zeigen sollte.

In der Oberen Altstadt liegt das Rampenloch, ein ehemaliges Rotlichtquartier, dessen Ursprung tatsächlich singulär ist: Die Prostitution ging im Kern auf eine Anordnung des preußischen Militärs zurück – der Staat als Bordell-Bauherr, ein Kapitel Sozial- und Militärgeschichte, wie es in dieser Form wohl kein zweites Mal dokumentiert ist.

Anfang 2018 erlosch der Betrieb, die Stadt kaufte die strategischen Grundstücke selbst – eine Konstellation, wie sie Stadtentwickler sonst nur in Übungsaufgaben antreffen: einmalige Geschichte, volle kommunale Handlungsmacht, vollkommen neu zu entwickeln.

Was daraus zu machen möglich gewesen wäre, lag ausgearbeitet auf dem Tisch: ein Konzept namens „Red Light Lab“, das die Historie exakt so weiterdenkt, wie es dieses Kapitel fordert – als Gründer- und Innovationsquartier hinter den bewahrten historischen Fassaden.

Die Anspielung sitzt doppelt: Ausgerechnet hier war Minden schon im 19. Jahrhundert Innovationsstandort, als im Rotlichtmilieu erstmals Gesundheitskontrollen eingeführt wurden, die heute Standard sind.

Mit begehbarem, begrüntem Rampendach samt Aussichtsfläche über die Altstadt – und als touristischem Herzstück ein „Museum für preußische Bordellkultur“ im denkmalgeschützten Haus Nummer 3: professionell kuratiert, quersubventioniert aus dem Geschäftsmodell des Quartiers, mit absehbarer überregionaler Medienresonanz.

Die Stadt besaß, wonach Bilbao kostspielig suchen musste: ein weltweit einmaliges Stück Geschichte in bester Altstadtlage, in eigener Hand. Und entschied sich, nicht die besten Ideen für dieses Areal zu suchen – sondern jemanden, der das Potenzial unter Wohnungen begräbt. Man kann einer Stadt manches nachsehen.

Aber wer vorhandene Einzigartigkeit aktenkundig entsorgt, darf sich über austauschbare Prospekte nicht wundern.

Das ist der eigentliche Befund hinter den 1,6 Tagen Aufenthaltsdauer: Es fehlt nicht an Vergangenheit – davon hat Minden reichlich. Und sie darf gern Puzzleteil bleiben, der Dom eingeschlossen.

Es fehlt an der Fähigkeit, aus dem eigenen Material Gegenwart zu entwickeln. Destinationen entstehen dort, wo ein Rathaus versteht, was zeitgemäß ist, und den Mut hat, das Einmalige dem Bewährten vorzuziehen. Beides ist eine Frage der Haltung, nicht des Haushalts.

Womit wir bei den Betten wären, dem unglamourösesten und entscheidendsten Teil des Geschäfts. Die amtliche Kapazität der Stadt Minden: 17 Beherbergungsbetriebe mit zusammen 706 Betten – macht im Schnitt 41 Betten pro Haus, also gut zwanzig Zimmer.

Tourismus ist aber eine Infrastruktur-Industrie: Viele Busreiseveranstalter brauchen fünfzig Zimmer in einem Haus, Tagungsplaner sechzig – in Minden findet er beides nicht. Kommt die Gruppe nicht, baut kein Investor das Hotel. Baut keiner das Hotel, kommt die Gruppe nicht.

Diese Schleife läuft in Minden seit Jahrzehnten – während sie in Lüneburg oder Fulda gerade in die Gegenrichtung dreht, wo neue Häuser eröffnen, weil die Nachfrage da ist. Den naheliegenden Einwand liefern wir gleich selbst:

Mindens wenige Betten werden ja nicht einmal voll. 39 Prozent Auslastung, Tendenz fallend, unter dem NRW-Schnitt von 43

Es fehlt also nicht nur das Angebot, es fehlt auch die Nachfrage nach dem Vorhandenen. Genau das ist der Befund in seiner ganzen Trostlosigkeit: Henne und Ei kränkeln beide.

Eine Stadt, die weder ein gruppentaugliches Haus noch einen zwingenden Grund zum Bleiben bietet, hat keinen Engpass – sie hat schlichtweg kein Produkt.

Und nein, die punktuellen Höhepunkte widerlegen das nicht, sie beweisen es. Ein Open Air mit den Toten Hosen füllt eine Wiese für einen Abend – aber keine Stadt für ein Jahr.

Die entscheidende Frage ist ja: Wo schlafen die Konzertbesucher? Die ehrliche Antwort dürfte lauten: zu Hause, in Hannover, in Bielefeld, irgendwo – nur mehrheitlich nicht in Minden, weil das Bett fehlt, in dem sie es könnten.

Ein Event ist ein Strohfeuer. Eine Destination ist Grundrauschen, 365 Tage im Jahr

Dazu kommt die Umsatzmechanik: Der Tagesgast lässt ein paar Euro für Eis und Parkschein da; der Übernachtungsgast bezahlt Hotel, Abendessen, Frühstück, Museum und den Regenschirm, den er vergessen hat – ein Vielfaches, Nacht für Nacht.

Der Weserradweg spült jeden Sommer Tausende Radler durch Minden. Man lese das Wort genau: durch.

Womit sich der Kreis dieser Serie schließt. Teil eins hat gezeigt, dass Mindens Innenstadt an der Kaufkraft ihrer eigenen Bewohner verhungert – die Stadt rangiert beim verfügbaren Einkommen je Einwohner auf Platz 315 von 396 Gemeinden in NRW, das ist keine Meinung, das ist Statistik.

Teil zwei hat gezeigt, dass dieselbe Innenstadt die Fachkräfte vergrault, deren Einkommen sie retten könnten. Und der Tourismus? Wäre die dritte, eleganteste Therapie: importierte Kaufkraft, Gäste, die das Geld mitbringen, das den Mindenern fehlt, und es dalassen, ohne eine Kita zu brauchen.

Aber man kann Fremden nicht verkaufen, was man selbst nicht kaufen würde

Eine Stadt, die für die eigenen Leute nicht attraktiv genug ist, ist es für Auswärtige erst recht nicht. Tourismus ist kein Ausweg aus der C-Lage, solange die C-Lage das Produkt ist.

Der Radler auf dem Weserradweg sieht dieselben Schaufenster wie Frau K. Nur eines macht er anders: Er sagt nicht ab. Er hält gar nicht erst an.

Und so stimmt der Satz des Tourismusverbands am Ende auf eine Weise, die dort niemand gemeint hat. Das Weserbergland hört nicht in Minden auf, weil ein Verband das irgendwann so beschlossen hätte. Der Verband hat es so beschlossen, weil in Minden etwas aufhört.

Es wieder anfangen zu lassen – das wäre mal ein Plus.


Quellen: Weserbergland Tourismus e.V., Pressebereich mit Regionsbeschreibung und Geographie-Factsheet („… wird im Süden vom Zusammenfluss von Werra und Fulda in Hann. Münden und im Norden von Minden begrenzt“), weserbergland-tourismus.de/de/p/pressebereich/55367740/, Abruf Juli 2026; ders., Pressemitteilung „Lückenschluss im Weserbergland: Stadt Minden kehrt zurück“ (via mynewsdesk, Juni 2025); IT.NRW, Landesdatenbank NRW, Monatserhebung im Tourismus, Tabellen 45412-01i (Betriebe, Betten, Ankünfte, Übernachtungen, Aufenthaltsdauer, Auslastung – Gemeinden, Jahreswerte 2021–2025) und 45412-05i (Herkunft der Gäste – Gemeinden, 2025), Abruf 15.07.2026; Hameln Marketing und Tourismus GmbH auf Basis des Landesamtes für Statistik Niedersachsen, Jahresbilanz 2024 (Februar 2025); Lüneburg Marketing GmbH, Tourismusbilanz 2024 (Februar 2025); IT.NRW, Kommunalprofil Minden, Stadt (Stand 15.01.2026: verfügbares Einkommen je Einwohner, Rang 315 von 396); zum Rampenloch: Dokumentation der Offenen Briefe auf quartierplaner.de (Februar/Juli 2019), Konzeptpapier „Red Light Lab“ (Astrid Engel, März 2020, mit dem Baustein „Museum für preußische Bordellkultur“) sowie Beschlusslage der Stadt Minden: Ausschuss für Bauen, Umwelt und Verkehr, 13.02.2019 (Drucksache Nr. 25/2019, 1. Ergänzung), Stadtverordnetenversammlung 28.02.2019.

Transparenzhinweis: Der Autor dieser Serie war an der Erarbeitung und Veröffentlichung der zitierten Rampenloch-Dokumente beteiligt, das Konzept „Red Light Lab“ stammt aus dem Büro der Architektin Astrid Engel, mit dem der Autor zusammenarbeitet. Die Bewertung der Beschlusslage nimmt er hier als Bürger und Beobachter vor; die zugrunde liegenden Fakten (Drucksachen, Konzeptinhalte) sind unabhängig davon öffentlich dokumentiert und überprüfbar.

RANG 315 IN NRW
Die Vermessung einer Stadt

Sechsteilige Serie

Sechs amtlich vermessene Befunde über eine Mittelstadt, die den Wettbewerb verschläft, in dem sie längst steht. Zahlen, Ursachen, Zusammenhänge. Adressat: das Rathaus. Musterbeispiel: Minden. Gemeint: viele.

Folge 1: Willkommen in der C-Lage
Warum Mindens Innenstadt verramscht und bunte Bälle nichts daran ändern werden

Folge 2: Das unsichtbare Vorstellungsgespräch
Warum Mindens Innenstadt Personalentscheidungen trifft, von denen sie nichts weiß

Folge 3: Wo das Weserbergland aufhört
Warum Touristen durch die Stadt hindurchfahren, in der Schiffe über Schiffe fahren

Folge 4: Der Exportschlager
Mindens erfolgreichstes Produkt verlässt die Stadt mit neunzehn – und die Bilanz sieht trotzdem gut aus

Folge 5: Allein unter Nachbarn
Minden verliert nicht gegen München. Minden verliert gegen Porta Westfalica

Folge 6: Zehn Kilometer bergab (wird in Kürze freigeschaltet)
Eine Radtour von der reichsten Gemeinde des Kreises in seine ärmste Stadt – und die Rechnung, die seit Jahren unbezahlt im Rathaus liegt


Kommentar: Die Bringschuld (wird in Kürze freigeschaltet)
Ein Kommentar nach sechs Folgen "RANG 315 IN NRW"


Interaktive Grafiken zeigen die strukturellen Probleme der Stadt auf Rang 315 in Nordrhein-Westfalen. Ansehen, ausprobieren, interagieren:

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Schon mal 4.000 Euro abwärts geradelt, aber null Höhenmeter? In Minden möglich ...

Infografik 2: Wieviel Geld fehlt Ihrem Haushalt, wenn Sie in Minden wohnen?
Und wie summiert sich der statistische Fehlbetrag im Laufe von zehn Jahren?

Warum liest man derart präzise Analysen nicht in der Zeitung?

Gute Frage! Falls Sie dabei an eine ganz bestimmte Zeitung denken, müssten Sie dort mal direkt nachfragen. Grundsätzlich gilt aber: Lokaljournalisten sind so eitel, dass sie sich viel zu gerne gemein machen mit Politik und Verwaltung. Man kann beobachten, wie sie sich ungeniert einladen lassen, wenn Stadt und Politik ihre  Sommerfeste feiern. Dann sitzen die angeblich ach so kritischen Beobachter fröhlich mittendrin – wie z.B. am Freitag, 10. Juli 2026 im Biergarten des Hotel Bad Minden.

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Das unsichtbare Vorstellungsgespräch – Warum Mindens Innenstadt Personalentscheidungen trifft, von denen sie nichts ahnt

Das unsichtbare Vorstellungsgespräch –
Warum Mindens Innenstadt Personalentscheidungen trifft, von denen sie nichts ahnt

Symbolbild © Illustration: Das Herz der Stadt, 2026

Das unsichtbare Vorstellungsgespräch –
Warum Mindens Innenstadt Personalentscheidungen trifft, von denen sie nichts ahnt

Autor Edgar Wilkening

Autor Edgar Wilkening. Hat in seiner Hamburger Phase aktiv an Stadtentwicklungs-Konzepten in der Hansestadt an der Elbe mitgewirkt – und schüttelt nur den Kopf, wie das Potenzial der kleinen Hansestadt an der Weser vor die Wand gefahren wird.

RANG 315 IN NRW
Die Vermessung einer Stadt

Sechsteilige Serie

Sechs amtlich vermessene Befunde über eine Mittelstadt, die den Wettbewerb verschläft, in dem sie längst steht. Zahlen, Ursachen, Zusammenhänge. Adressat: das Rathaus. Musterbeispiel: Minden. Gemeint: viele.

Nennen wir sie Frau K. Sie ist Entwicklungsingenieurin, Mitte dreißig, sie hat drei Job-Angebote auf dem Tisch, und eines davon kommt aus Minden.

Das Gehalt stimmt, die Aufgabe reizt sie, das Unternehmen – einer jener Weltmarktführer, die diese Stadt so beiläufig beherbergt wie andere Städte ihre Poststellen – hat sich im Gespräch von seiner besten Seite gezeigt. Frau K. ist, das darf man so sagen, zu 80 Prozent gewonnen.

Die restlichen 20 Prozent entscheiden sich an einem Samstagnachmittag

Denn Frau K. kommt zum Probewohnen, wie das heute üblich ist, mit Mann und Kind, und das Wochenende hat eine Dramaturgie, die keine Personalabteilung der Welt kontrollieren kann. Freitag: Werksführung, beeindruckend. Samstagvormittag: Wohnungsbesichtigungen, erfreulich, die Quadratmeterpreise sind nach Münchner Maßstäben ein Witz, und zwar ein guter.

Samstagnachmittag aber gehört der Stadt. Ein Kaffee in der Fußgängerzone. Ein Schaufensterbummel. Der prüfende Blick des Mannes, der hier künftig auch leben soll, auch arbeiten, auch ausgehen.

Und jetzt spielen wir das durch. Frau K. und Familie schlendern durch die Bäckerstraße. Sie lesen, was wir alle lesen können: die Schaufenster. Ein-Euro-Sortimente, Räumungsverkäufe, dazwischen tapfere Einzelkämpfer, am Wesertor eine darbende Bäckerstraße – „C-Lage“ wird sie von Gewerbetreibenden genannt.

Der Mann sagt nichts. Er muss nichts sagen. Um 15:40 Uhr, ungefähr auf Höhe des dritten Leerstands, ist die Personalentscheidung gefallen. Das Unternehmen erfährt es zwei Wochen später, per freundlicher Absage-Mail: Man habe sich „aus familiären Gründen“ anders entschieden.

Familiäre Gründe. Das ist das Codewort. Es bedeutet: Die Firma war gut. Die Stadt war es nicht

Denn die Innenstadt ist nicht nur Ladenzeile. Sie ist auch Personalabteilung.

Im Rathaus wird die Innenstadt verhandelt, als hätte man 1995 die Akte angelegt und seither nur den Aktendeckel erneuert: Leerstandsquote, Frequenzbringer, Sortimentskonzepte, zur Not ein verkaufsoffener Sonntag, vielleicht mit Hüpfburg. Das ist die Einzelhandelsbrille.

Sie übersieht, was die Innenstadt einer Mittelstadt im Jahr 2026 tatsächlich ist: das wichtigste Rekrutierungsinstrument der lokalen Wirtschaft. Ausgerechnet für die Unternehmen, die gar nicht in der Innenstadt sitzen, sondern etwas weiter draußen Weltmarktanteile verteidigen.

Die Standortforschung sagt das seit Jahren mit der Geduld eines Nachhilfelehrers: Junge, qualifizierte Menschen – die, um die sich alle prügeln – entscheiden nach weichen Faktoren. Lebensqualität, Kultur, das Gefühl, dass an einem Ort etwas los ist. Die Industrie- und Handelkammer sagt es auch, in jeder Konjunkturumfrage aufs Neue:

Der Fachkräftemangel bleibt das Problem im Mühlenkreis, quer durch die Branchen

Nur eine Ebene hat diese beiden Befunde noch nicht zusammengelegt: die kommunale Ebene – das Rathaus.

Dabei ist die Rechnung längst gemacht, man muss sie nur nachschlagen. Die Jobbörse Stepstone berechnet die durchschnittlichen Vakanzkosten einer unbesetzten Stelle in Deutschland auf rund 49.500 Euro – bei einer mittleren Vakanzzeit von 138 Tagen sind das gut 600 Euro pro Tag, die ein leerer Schreibtisch kostet.

Und das ist der Durchschnitt über alle Berufe: Wo hochspezialisierte Kräfte gesucht werden, in Produktion, Bau und Finanzwesen, können die durchschnittlichen Vakanzkosten laut Stepstone-Auswertung für das Handelsblatt sechsstellige Größenordnungen erreichen. Frau K. ist so eine Spezialistin.

Das Institut der deutschen Wirtschaft hat die Summe fürs ganze Land gezogen: 49 Milliarden Euro an Produktionskapazität gingen der Wirtschaft zuletzt binnen eines Jahres verloren, weil über eine halbe Million Stellen unbesetzt blieben – bis 2027, so die Prognose, wächst der Schaden auf 74 Milliarden, die Überstunden der Kollegen und die entgangenen Ideen noch gar nicht eingepreist.

Und dass der Mühlenkreis von diesem Befund keine Ausnahme macht, bestätigt die IHK in ihrer Konjunkturumfrage mit der Regelmäßigkeit eines Kirchturmglockenschlags: Der Fachkräftemangel bleibt das Problem.

Diese Kosten tragen die Betriebe. Verursacht wird ein hübscher Teil davon durch neunzig Minuten Samstagnachmittag, für die niemand zuständig sein will.

Man könnte sagen: Die Mindener Wirtschaft subventioniert mit ihren Personalbudgets die Unterlassungen der Stadtentwicklung

Nur stellt keiner die Rechnung aus. Die Unternehmen nicht, weil man es sich mit dem Rathaus nicht verdirbt. Das Rathaus nicht, weil es von dem Vorstellungsgespräch, das seine Fußgängerzone jeden Samstag führt, schlicht nichts weiß.

Im ersten Teil dieser kleinen Serie stand der Satz: Minden hat kein Amazon-Problem, Minden hat ein Einkommensproblem.

Die Kaufkraft ist zu schwach für den Handel, den sich alle zurückwünschen – das war die Diagnose, und sie gilt. Aber sie war, das muss der Autor einräumen, noch zu freundlich. Denn die Kausalität läuft auch rückwärts, und dann wird aus dem Zustand ein Kreislauf: Die C-Lage füttert sich selbst.

Frau K., die absagt, ist ja nicht nur eine verlorene Fachkraft. Sie ist ein verlorener Haushalt mit zwei Einkommen. Verlorene Miete, verlorene Kita-Gebühr, verlorener Einkommensteueranteil, verlorene Restaurantbesuche, verlorene Kaufkraft – exakt jene Kaufkraft, an deren Mangel die Innenstadt zugrunde geht, deren Anblick Frau K. vertrieben hat.

Die schwache Innenstadt verhindert den Zuzug derer, die sie retten könnten

Dabei wäre der Ausstieg aus dem Kreislauf keine Frage von Millionen. Andere Städte machen vor, wie man den Samstagnachmittag choreografiert, statt ihn dem Zufall zu überlassen.

Ein Welcome-Service für Kandidatinnen der ansässigen Unternehmen. Ein Dual-Career-Netzwerk der großen Arbeitgeber, damit auch der Partner eine Perspektive vorfindet und nicht nur eine Fußgängerzone. Eine Kita-Zusage als Bestandteil des Jobangebots. Ein fester Kümmerer im Rathaus, der Zuzügler durch die Behörden lotst wie ein guter Concierge.

Hannover hat seine Standortvermarktung laut Branchenberichten mit über hundert Beteiligten in sieben Workshops systematisch neu aufgebaut – aus Daten, nicht aus Dekoration.

Nichts davon erfordert einen Neubau. Alles davon erfordert nur die Einsicht, dass eine Stadt sich bewirbt, ob sie will oder nicht. Minden bewirbt sich derzeit unfrisiert, im Bademantel, runtergerockt – und wundert sich über die Absagen.

Und die schönste Pointe wartet am Schluss: Für ein solches Bündnis müsste die Stadt zum ersten Mal in ihrer Geschichte niemanden um Geld anbetteln.

Für viele Unternehmen dürfte ein Eigeninteresse in Millionenhöhe bestehen, dass der Samstagnachmittag gelingt

Man müsste sie lediglich fragen. Es wäre das erste Stadtentwicklungsprojekt, bei dem die Wirtschaft von sich aus den Scheckblock zückt. Dass diese Frage bislang nicht gestellt wurde, ist vielleicht die präziseste Standortbestimmung von allen.

Bis dahin gilt, was schon im ersten Teil galt: Die Schaufenster dieser Stadt sagen jeden Tag die Wahrheit. Frau K. hat sie gelesen, an einem einzigen Samstagnachmittag. Ihre Antwort kam zwei Wochen später: höflich, endgültig, aus familiären Gründen.

Im Rathaus wird sie niemand lesen. Dort weiß man ja nicht einmal, dass ein Vorstellungsgespräch stattgefunden hat.


Quellen: Institut der deutschen Wirtschaft (IW), Burstedde/Kolev-Schaefer, IW-Kurzbericht Nr. 27/2024 („Fachkräftemangel: Wirtschaft verliert 49 Milliarden Euro“); The Stepstone Group, Vakanzkosten-Analyse 2023 („Cost of Vacancy“, Vakanzzeiten auf Basis der Bundesagentur für Arbeit); Handelsblatt, „Stepstone-Studie: So teuer sind unbesetzte Stellen“, November 2023; IHK Ostwestfalen zu Bielefeld, Herbst-Konjunkturumfrage für den Kreis Minden-Lübbecke, Oktober 2025 (263 Unternehmen, rund 21.600 Beschäftigte), zit. n. Neue Westfälische, 23.10.2025.

RANG 315 IN NRW
Die Vermessung einer Stadt

Sechsteilige Serie

Sechs amtlich vermessene Befunde über eine Mittelstadt, die den Wettbewerb verschläft, in dem sie längst steht. Zahlen, Ursachen, Zusammenhänge. Adressat: das Rathaus. Musterbeispiel: Minden. Gemeint: viele.

Folge 1: Willkommen in der C-Lage
Warum Mindens Innenstadt verramscht und bunte Bälle nichts daran ändern werden

Folge 2: Das unsichtbare Vorstellungsgespräch
Warum Mindens Innenstadt Personalentscheidungen trifft, von denen sie nichts weiß

Folge 3: Wo das Weserbergland aufhört
Warum Touristen durch die Stadt hindurchfahren, in der Schiffe über Schiffe fahren

Folge 4: Der Exportschlager
Mindens erfolgreichstes Produkt verlässt die Stadt mit neunzehn – und die Bilanz sieht trotzdem gut aus

Folge 5: Allein unter Nachbarn
Minden verliert nicht gegen München. Minden verliert gegen Porta Westfalica

Folge 6: Zehn Kilometer bergab (wird in Kürze freigeschaltet)
Eine Radtour von der reichsten Gemeinde des Kreises in seine ärmste Stadt – und die Rechnung, die seit Jahren unbezahlt im Rathaus liegt


Kommentar: Die Bringschuld (wird in Kürze freigeschaltet)
Ein Kommentar nach sechs Folgen "RANG 315 IN NRW"


Interaktive Grafiken zeigen die strukturellen Probleme der Stadt auf Rang 315 in Nordrhein-Westfalen. Ansehen, ausprobieren, interagieren:

Infografik 1: Die Kaufkraft-Abfahrt – Mit dem Fahrrad Tausende Euro bergab
Schon mal 4.000 Euro abwärts geradelt, aber null Höhenmeter? In Minden möglich ...

Infografik 2: Wieviel Geld fehlt Ihrem Haushalt, wenn Sie in Minden wohnen?
Und wie summiert sich der statistische Fehlbetrag im Laufe von zehn Jahren?

Warum liest man derart präzise Analysen nicht in der Zeitung?

Gute Frage! Falls Sie dabei an eine ganz bestimmte Zeitung denken, müssten Sie dort mal direkt nachfragen. Grundsätzlich gilt aber: Lokaljournalisten sind so eitel, dass sie sich viel zu gerne gemein machen mit Politik und Verwaltung. Man kann beobachten, wie sie sich ungeniert einladen lassen, wenn Stadt und Politik ihre  Sommerfeste feiern. Dann sitzen die angeblich ach so kritischen Beobachter fröhlich mittendrin – wie z.B. am Freitag, 10. Juli 2026 im Biergarten des Hotel Bad Minden.

Allein unter Nachbarn
Minden verliert nicht gegen München. Minden verliert gegen Porta Westfalica" >
Smartphone mit Chatfenster: Mindens Nachbargemeinden chatten
Aug. 01 2026

Allein unter Nachbarn
Minden verliert nicht gegen München. Minden verliert gegen Porta Westfalica" > Allein unter Nachbarn
Minden verliert nicht gegen München. Minden verliert gegen Porta Westfalica

Minden verliert. Aber nicht gegen Hamburg oder München – das wäre keine Schande. Minden verliert gegen Porta, Hille und Petershagen. Wie das Umland die Familien erntet,...
Der Exportschlager
Mindens erfolgreichstes Produkt verlässt die Stadt mit neunzehn – und die Bilanz sieht trotzdem gut aus" >
Paket mit dem Stempel "Made in Minden" und Anschrift in Hamburg
Juli 24 2026

Der Exportschlager
Mindens erfolgreichstes Produkt verlässt die Stadt mit neunzehn – und die Bilanz sieht trotzdem gut aus" > Der Exportschlager
Mindens erfolgreichstes Produkt verlässt die Stadt mit neunzehn – und die Bilanz sieht trotzdem gut aus

Auf dem Weihnachtsmarkt erzählen sie von München, Singapur, Hamburg – die Ehemaligen, drei Tage im Jahr zurück in Minden. Die Stadt nennt das Heimatliebe. Die Statistik...
Wo das Weserbergland aufhört
Warum Touristen durch die Stadt hindurchfahren, in der Schiffe über Schiffe fahren" >
Ortausgangsschild zeigt das Ende des Weserberglands an
Juli 22 2026

Wo das Weserbergland aufhört
Warum Touristen durch die Stadt hindurchfahren, in der Schiffe über Schiffe fahren" > Wo das Weserbergland aufhört
Warum Touristen durch die Stadt hindurchfahren, in der Schiffe über Schiffe fahren

Es steht in der Eigenwerbung der Tourismusbranche: Das Weserbergland wird „im Norden von Minden begrenzt“. Nicht etwa gekrönt – sondern begrenzt! Warum Gäste im...
Das unsichtbare Vorstellungsgespräch –
Warum Mindens Innenstadt Personalentscheidungen trifft, von denen sie nichts ahnt" >
Bewerbungsbogen der Stadt Minden mit Stempel Abgelehnt
Juli 18 2026

Das unsichtbare Vorstellungsgespräch –
Warum Mindens Innenstadt Personalentscheidungen trifft, von denen sie nichts ahnt" > Das unsichtbare Vorstellungsgespräch –
Warum Mindens Innenstadt Personalentscheidungen trifft, von denen sie nichts ahnt

Frau K. hatte drei Jobangebote. Eines aus Minden. Die Firma war top, das Gehalt stimmte. Entschieden hat ein Samstagnachmittag in der Fußgängerzone. Warum Mindens...
Willkommen in der C-Lage!
Warum Mindens Innenstadt verramscht – und warum bunte Bälle daran nichts ändern werden" >
Silhouette Billig-Stadt Minden mit Preisschild
Juli 13 2026

Willkommen in der C-Lage!
Warum Mindens Innenstadt verramscht – und warum bunte Bälle daran nichts ändern werden" > Willkommen in der C-Lage!
Warum Mindens Innenstadt verramscht – und warum bunte Bälle daran nichts ändern werden

Ein Billigheimer nach dem anderen eröffnet in Minden. Und wo bleiben die Top-Geschäfte? Wer sich das fragt, muss sich nur eine einzige Zahl ansehen. Sie erklärt, warum...
Geisterstadt Minden" >
Nov. 21 2023

Geisterstadt Minden" > Die geheimen Folien, die nie zu sehen sein sollten:
Geisterstadt Minden

Netzwerktreffen der Innenstadtakteure. Die Jubel-Vorträge gaben sich die Klinke in die Hand. Der einzig echte kontroverse Vortrag wurde nicht vor Ort gehalten. Hier...
Der Kaiser ist ja nackt!" >
Nackter Berater mit Aktenkoffer
Feb. 01 2023

Der Kaiser ist ja nackt!" > Die Berater waren in der Stadt – und niemand rief: Der Kaiser ist ja nackt!

In manchem Rathaus ist man froh, simple Antworten zu bekommen – wenn sie nur opportun und teuer genug sind. Diesen fatalen Hang hat der dänische Märchenerzähler Hans...
Innenstadtmanagement:
Wie lösen wir ein Problem? Indem wir einfach nur ein „Problemchen“ haben" >
Apr. 28 2022

Innenstadtmanagement:
Wie lösen wir ein Problem? Indem wir einfach nur ein „Problemchen“ haben" > Workshop Innenstadtmanagement:
Wie lösen wir ein Problem? Indem wir einfach nur ein „Problemchen“ haben

Workshop zur Entwicklung der Mindener Innenstadt. Immerhin 1 Berater auf jeweils 3,5 Teilnehmer. Donnerwetter! Und was passiert da so? Unser Autor war dabei und hat...
Feb. 17 2022

Baukultur.NRW in Minden
zu Gast bei Das Herz der Stadt

Baukultur.NRW war zu Besuch in Minden: ein Vormittag mit inspirierenden Gesprächen über Bauen und Stadtentwicklung in Zukunft, gemeinsam mit Vertretern aus Politik und...
Feb. 01 2022

Dieses Video offenbart, was Mindens Marketing falsch macht – seit über 20 Jahren und heute immer noch

Ein bemerkenswertes Zeitdokument. Und ausschließlich bei Das Herz der Stadt zu sehen: Ein Video, das eine Momentaufnahme der „Marke Minden“ abbildet – und...
Willkommen in der C-Lage! Warum Mindens Innenstadt verramscht – und warum bunte Bälle daran nichts ändern werden

Willkommen in der C-Lage!
Warum Mindens Innenstadt verramscht – und warum bunte Bälle daran nichts ändern werden

Symbolbild © Illustration: Das Herz der Stadt, 2026

Willkommen in der C-Lage!
Warum Mindens Innenstadt verramscht – und warum bunte Bälle daran nichts ändern werden

Autor Edgar Wilkening

Autor Edgar Wilkening. Hat in seiner Hamburger Phase aktiv an Stadtentwicklungs-Konzepten in der Hansestadt an der Elbe mitgewirkt – und schüttelt nur den Kopf, wie das Potenzial der kleinen Hansestadt an der Weser vor die Wand gefahren wird.

RANG 315 IN NRW
Die Vermessung einer Stadt

Sechsteilige Serie

Sechs amtlich vermessene Befunde über eine Mittelstadt, die den Wettbewerb verschläft, in dem sie längst steht. Zahlen, Ursachen, Zusammenhänge. Adressat: das Rathaus. Musterbeispiel: Minden. Gemeint: viele.

„Die Bäckerstraße ist ja nur noch C-Lage.“ Der Satz stammt nicht aus einem anonymen Facebook-Kommentar. Er stammt von einem Gastronomen, der gerade seinen Laden in ebendieser Bäckerstraße in Minden dichtgemacht hat.

Die traditionsreiche Einkaufsstraße im Herzen einer 84.000-Einwohner-Stadt, einer der größten Städte Ostwestfalens – abgestempelt als C-Lage. Von jemandem, der es wissen muss, weil er dort sein Geld verdienen wollte und es nicht konnte.

Die Chronik der vergangenen Wochen liest sich wie ein Lehrstück. Die Billard-Bar schließt, ein Burgerladen gibt nach vier Jahren auf. Und was kommt nach? Ein Discounter, der mit dem Slogan „Mehr drin für weniger!“ wirbt – in Sichtweite von Tedi, Kik, Zeeman und Nanu Nana, unweit der zweiten Tedi-Filiale.

Man könnte in Mindens Fußgängerzone inzwischen eine Stadtführung zum Thema „Ramsch in Reihe“ anbieten

Wer aber sucht, wo sich zuletzt ein Fachgeschäft mit Anspruch, ein Flagship-Store, ein Name mit Strahlkraft neu angesiedelt hätte, sucht lange. Und länger. Und vergebens.

Natürlich gibt es auch die anderen Geschichten, die tapferen: das dänische Café mit Zimtschnecken und Hygge, die Boutique für große Größen, gegründet von einer Frau, die schlicht keine passende Kleidung mehr in Minden fand. Man wünscht beiden von Herzen Erfolg. Nur: Das sind Ein-Personen-Wagnisse, geboren aus Lücken, die der Markt gerissen hat. Sie sind Symptome einer Entwicklung, nicht ihr Ende.

Woran liegt’s?

Fragt man in Minden herum, bei Verwaltung, Politik, Wirtschaftsförderung, erntet man das immergleiche Schulterzucken, garniert mit der immergleichen Erklärung: der Onlinehandel.

Amazon ist schuld. Die Leute bestellen halt alles im Internet, da kann man nichts machen, das ist überall so, der Strukturwandel, Sie verstehen.

Diese Erklärung ist die bequemste aller Antworten und hat einen unschätzbaren Vorteil: Man muss nicht in den Abgrund der eigenen Ahnungslosigkeit blicken.

Wenn der Feind in Seattle sitzt, kann niemand im Rathaus etwas dagegen tun

Die Schuld auf den Online-Handel zu schieben hat nur einen Schönheitsfehler: Die nackten Zahlen belegen das nicht.

Der Handelsverband Deutschland beziffert den gesamten Einzelhandelsumsatz für 2025 auf rund 677 Milliarden Euro. Der Onlinehandel steuert davon 92,3 Milliarden bei – ein Anteil von 13,5 Prozent.

Mehr als 86 von 100 Euro, die im deutschen Einzelhandel ausgegeben werden, wandern nach wie vor über einen realen Ladentisch. Dem stationären Handel geht es in Summe gut. Er ist immer noch das mit weitem Abstand größere Geschäft.

Vor allem aber: Das Internet ist überall gleich schnell. In Gütersloh wird genauso online bestellt wie in Minden, in Verl genauso wie in Espelkamp. Wenn der Onlinehandel die Erklärung wäre, müssten alle Innenstädte gleichmäßig verramschen.

Tun sie aber nicht. Andernorts eröffnen Concept Stores, Feinkosthändler, Modehäuser. In Minden eröffnet die Billo Box.

Der Onlinehandel erklärt vielleicht, warum es der Mindener Innenstadt nicht blendend geht. Er erklärt nicht, warum es ihr so viel schlechter geht als anderen. Dafür braucht es eine andere Zahl. Sie liegt seit Jahren für jedermann offen auf dem Tisch – man müsste sie nur mal ansehen wollen.

Die Zahl, über die in Minden niemand spricht – weil sie die Inkompetenz von Politik und Verwaltung offenbart

Die IHK Ostwestfalen zu Bielefeld veröffentlicht in ihrem Magazin regelmäßig die Kaufkraft pro Kopf für alle Kommunen der Region, erhoben von der Michael Bauer Research GmbH.

Es ist eine unaufgeregte Balkengrafik, „Grafik des Monats“, keine Skandalstory. Vielleicht ist sie deshalb all die Jahre unbemerkt geblieben. Dabei erzählt sie, Jahrgang für Jahrgang, die selbe Geschichte – und es ist keine schöne für Minden.

Kaufkraft in € pro Kopf 2021 2023 2024 2026
Bundesschnitt 24.455 26.870 27.939 32.009
Ostwestfalen 23.715 25.850 26.709 30.800
Minden 22.655 24.382 25.182 28.544
Minden im OWL-Ranking (54 Kommunen) Platz 43 Platz 47 Platz 49 Platz 51

Quelle: IHK Ostwestfalen, „Ostwestfälische Wirtschaft“ · Daten: Michael Bauer Research GmbH

Diese Zahlen verraten einen klaren Trend: Minden ist konsequent immer weiter zurückgefallen im Ranking aller 54 Kommunen in OWL. Zuletzt auf Platz 51 im Jahr 2026. Und noch etwas fällt auf: Die Kaufkraft der Mindener wächst zwar, aber im Verhältnis zum Bundes- und zum OWL-Durchschnitt proportional deutlich geringer. Wagt jemand eine Prognose, mit welchen Zahlen Minden im Jahr 2027 unter einem SPD-Bürgermeister Peter Kock dastehen wird?


 

2021: Die Kaufkraft in Ostwestfalen liegt bei 23.715 Euro pro Kopf, bundesweit bei 24.455 Euro. Minden rangiert mit 22.655 Euro tief im hinteren Feld.

2023: Bundesschnitt 26.870 Euro, Ostwestfalen 25.850 Euro – Minden: 24.382 Euro, achtletzter Platz unter den 54 Kommunen in OWL.

2024: Bundesschnitt 27.939 Euro – Minden dümpelt bei 25.182, nochmal zwei Ränge tiefer: sechstletzter Platz im OWL-Ranking.

Und 2026, druckfrisch aus der Juni-Ausgabe: Deutschland 32.009 Euro, Ostwestfalen 30.800 Euro, Spitzenreiter Verl 35.017 Euro. Minden: 28.544 Euro, nur noch drei Ränge von der Schlusslicht-Position entfernt. In Gesellschaft von Espelkamp und Willebadessen – Kommunen, die einen Bruchteil der Größe Mindens und keinerlei oberzentrale Ambitionen haben.

Rang 315 in NRW.

Diese Zahlen lassen sich übersetzen:

Einem durchschnittlichen Mindener Zwei-Personen-Haushalt fehlen gegenüber dem Bundesschnitt rund 7.000 Euro im Jahr

Gegenüber Verl sind es weit über 12.000 Euro. Jahr für Jahr. Das ist kein Kaufkraft-Rückstand mehr, das ist eine strukturelle Konsumlücke.

Und sie schließt sich nicht – sie wächst. Denn während anderswo die Einkommen kletterten, hat sich Mindens Abstand nach oben über die Jahre zementiert.

Eine der größten Städte Ostwestfalens spielt bei der Kaufkraft nicht im letzten Drittel, sondern im allerletzten Zehntel der Region. Diese Zahlen sind öffentlich. Sie erscheinen in einem Magazin, das in jedem Chefbüro der Region ausliegt.

Und doch: kein Aufschrei, keine Ratsdebatte, keine Schlagzeile im Lokalteil.Die Stadt hat offenbar kollektiv beschlossen, nicht hinzusehen – wie immer, wenn die Dinge grundlegend im Argen liegen.

Dabei erklärt diese eine Zahl alles, worüber in Minden gerätselt wird

Einzelhandelsansiedlung ist keine Geschmacksfrage und keine Glückssache, sondern kühle Standortarithmetik. Bevor eine Handelskette einen Mietvertrag unterschreibt, rechnet sie: Einzugsgebiet, Frequenz, Kaufkraft.

Wo die Portemonnaies dünn sind, siedelt sich kein Premiumanbieter an – nicht einmal die solide Mitte. Der Markt lügt nicht. Kein Zara kalkuliert sich eine Stadt schön, deren Bewohner pro Kopf dreieinhalbtausend Euro weniger auszugeben haben als der Bundesdurchschnitt.

Wer sich dagegen sehr wohl ansiedelt, sind jene Anbieter, deren Geschäftsmodell eigens auf dünne Portemonnaies zugeschnitten ist. Tedi, Kik, Action, Billo Box und Co. – das sind keine Betriebsunfälle der Stadtentwicklung. Das sind rationale Marktakteure, die Mindens Kaufkraftdaten gelesen haben und daraus die einzig logische Konsequenz ziehen.

„Mehr drin für weniger“ ist nicht nur ein Werbeslogan. Es ist die präziseste Standortanalyse, die je über Minden geschrieben wurde

Die Verramschung der Innenstadt ist ein Spiegel: Die Fußgängerzone zeigt der Stadt jeden Tag, was ihre Bürger sich leisten können. Man muss nur den Mut haben hinzuschauen.

Und was unternimmt Minden? Das Innenstadtmanagement hängt Dekoration in die Fußgängerzone. Bunte Bälle, die fröhliche Einkaufslaune verbreiten sollen, schweben über der Einkaufsstraße, in der es immer weniger zu kaufen gibt, das der Laune würdig wäre.

Es ist gut gemeint, gewiss. Aber es ist – typisch für Minden – Symptombekämpfung: Man dekoriert die Folgen, statt die Ursachen anzupacken. Es ist, als hinge man einem Kreislauf-Patienten bunte Luftballons ans Krankenbett und würde das Therapie nennen.

Keine Deko, kein Stadtfest, kein Leerstandsmanagement und kein noch so engagiertes Citymarketing kann kompensieren, dass den Menschen dieser Stadt schlicht das Geld fehlt. Der einzige Hebel, der die Innenstadt nachhaltig aufwerten kann, ist die Kaufkraft ihrer Bewohner. Und Kaufkraft entsteht nicht durch Beschwörung.

Kaufkraft entsteht durch gut bezahlte Arbeit. Und das führt zur eigentlichen Frage, die in Politik und Verwaltung seit Jahren niemand stellt:

Warum verdienen die Menschen in Minden so viel weniger als fast überall sonst in der Region OWL?

Verl, Rheda-Wiedenbrück, Steinhagen, Gütersloh – die Spitzenplätze der Kaufkraft-Tabelle sbelegen Kommunen, die über Jahrzehnte Industrie und Mittelstand gehegt haben, die Gewerbeflächen, Genehmigungstempo und Standortpflege als Chefsache begriffen. Dort stehen Weltmarktführer und Hidden Champions, die Ingenieure, Facharbeiter und Kaufleute ordentlich bezahlen – und deren Gehälter dann in den örtlichen Geschäften landen.

Minden dagegen? Verwaltet. Das Rathaus ist seit vielen Jahren fest in sozialdemokratischer Hand; auf Michael Buhre und Michael Jäcke folgte im Herbst Peter Kock, der sich im Wahlkampf als Opfer einer Nazi-Attacke stilisierte und nun eine Stadt führt, deren ökonomischer Sinkflug in seiner Partei offenbar noch nie als Alarmsignal gelesen wurde.

Sozialdemokratische Kommunalpolitik denkt traditionell vom Verteilen her. Aber verteilt werden kann nur, was vorher erwirtschaftet wurde. Und die Frage, wie in Minden eigentlich Wertschöpfung entsteht, wie man Unternehmen anlockt, die hochqualifizierte – und in ihrem Sog auch mittelqualifizierte – Arbeitsplätze schaffen, diese Frage hat in der Mindener Politik erkennbar keine Priorität.

Man darf auch fragen, woher sie kommen sollte: Ein Bürgermeister, der sein Berufsleben im Schuldienst verbracht hat, umgeben von einer Ratsmehrheit, die Wirtschaftspolitik für etwas hält, das in Düsseldorf oder Berlin stattfindet, wird das Erwirtschaften kaum zur Herzensangelegenheit machen.

Dabei wäre genau das die Lösung – und zwar als soziale Politik im besten Sinne. Denn nichts wäre sozialer, als den Menschen dieser Stadt die Chance auf ordentliche, vielleicht sogar sehr ordentliche Gehälter zu verschaffen.

Mehr Geld in den Taschen der Mindener – nicht per Transferleistung, sondern per Gehaltsabrechnung

Das hieße: aktive Ansiedlungspolitik, ausgewiesene und erschlossene Gewerbeflächen, eine Verwaltung, die Investoren als Partner behandelt statt als Antragsteller, Tempo bei Genehmigungen, Werben um Zukunftsbranchen. Kurz: eine Wirtschaftspolitik, die diesen Namen verdient und Protagonisten im Rathaus hat, die davon was verstehen.

Steigt die Kaufkraft, folgt der Handel von ganz allein – so zuverlässig, wie er ihr bisher davongelaufen ist. Dann rechnet sich plötzlich das Modehaus, das Fachgeschäft, das Restaurant mit Anspruch. Dann wird aus der C-Lage wieder eine B- und irgendwann sogar eine A-Lage. Nicht, weil jemand bunte Bälle aufgehängt hat. Sondern weil die Menschen, die darunter hindurchgehen, wieder etwas in der Tasche haben.

Bis dahin gilt: Minden hat kein Amazon-Problem. Minden hat ein Einkommensproblem.

Und wer das nicht aussprechen mag, weil er dann über eigenes Versagen, über eigene Mitschuld sprechen müsste, der möge wenigstens aufhören, sich über die Billigheimer zu wundern. Sie sind die Einzigen, die dieser Stadt noch die Wahrheit sagen – jeden Tag, in Großbuchstaben, direkt ins Schaufenster geklebt.

Minden nennt sich offiziell „Die Stadt mit dem Plus“. Der Markt lügt nicht – und hat den Slogan längst korrigiert: Mehr drin für weniger.


Quellen: IHK Ostwestfalen zu Bielefeld, „Ostwestfälische Wirtschaft“, Grafik des Monats (Ausgaben 07/2021, 08/2023, 06/2024, 06/2026), Daten: Michael Bauer Research GmbH; Handelsverband Deutschland (HDE), Jahresprognose 2025 und Online-Monitor 2026; Mindener Tageblatt, „Abschiede und Neuanfänge“, Juli 2026.

RANG 315 IN NRW
Die Vermessung einer Stadt

Sechsteilige Serie

Sechs amtlich vermessene Befunde über eine Mittelstadt, die den Wettbewerb verschläft, in dem sie längst steht. Zahlen, Ursachen, Zusammenhänge. Adressat: das Rathaus. Musterbeispiel: Minden. Gemeint: viele.

Folge 1: Willkommen in der C-Lage
Warum Mindens Innenstadt verramscht und bunte Bälle nichts daran ändern werden

Folge 2: Das unsichtbare Vorstellungsgespräch
Warum Mindens Innenstadt Personalentscheidungen trifft, von denen sie nichts weiß

Folge 3: Wo das Weserbergland aufhört
Warum Touristen durch die Stadt hindurchfahren, in der Schiffe über Schiffe fahren

Folge 4: Der Exportschlager
Mindens erfolgreichstes Produkt verlässt die Stadt mit neunzehn – und die Bilanz sieht trotzdem gut aus

Folge 5: Allein unter Nachbarn
Minden verliert nicht gegen München. Minden verliert gegen Porta Westfalica

Folge 6: Zehn Kilometer bergab (wird in Kürze freigeschaltet)
Eine Radtour von der reichsten Gemeinde des Kreises in seine ärmste Stadt – und die Rechnung, die seit Jahren unbezahlt im Rathaus liegt


Kommentar: Die Bringschuld (wird in Kürze freigeschaltet)
Ein Kommentar nach sechs Folgen "RANG 315 IN NRW"


Interaktive Grafiken zeigen die strukturellen Probleme der Stadt auf Rang 315 in Nordrhein-Westfalen. Ansehen, ausprobieren, interagieren:

Infografik 1: Die Kaufkraft-Abfahrt – Mit dem Fahrrad Tausende Euro bergab
Schon mal 4.000 Euro abwärts geradelt, aber null Höhenmeter? In Minden möglich ...

Infografik 2: Wieviel Geld fehlt Ihrem Haushalt, wenn Sie in Minden wohnen?
Und wie summiert sich der statistische Fehlbetrag im Laufe von zehn Jahren?

Warum liest man derart präzise Analysen nicht in der Zeitung?

Gute Frage! Falls Sie dabei an eine ganz bestimmte Zeitung denken, müssten Sie dort mal direkt nachfragen. Grundsätzlich gilt aber: Lokaljournalisten sind so eitel, dass sie sich viel zu gerne gemein machen mit Politik und Verwaltung. Man kann beobachten, wie sie sich ungeniert einladen lassen, wenn Stadt und Politik ihre  Sommerfeste feiern. Dann sitzen die angeblich ach so kritischen Beobachter fröhlich mittendrin – wie z.B. am Freitag, 10. Juli 2026 im Biergarten des Hotel Bad Minden.

Allein unter Nachbarn
Minden verliert nicht gegen München. Minden verliert gegen Porta Westfalica" >
Smartphone mit Chatfenster: Mindens Nachbargemeinden chatten
Aug. 01 2026

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Minden verliert nicht gegen München. Minden verliert gegen Porta Westfalica" > Allein unter Nachbarn
Minden verliert nicht gegen München. Minden verliert gegen Porta Westfalica

Minden verliert. Aber nicht gegen Hamburg oder München – das wäre keine Schande. Minden verliert gegen Porta, Hille und Petershagen. Wie das Umland die Familien erntet,...
Der Exportschlager
Mindens erfolgreichstes Produkt verlässt die Stadt mit neunzehn – und die Bilanz sieht trotzdem gut aus" >
Paket mit dem Stempel "Made in Minden" und Anschrift in Hamburg
Juli 24 2026

Der Exportschlager
Mindens erfolgreichstes Produkt verlässt die Stadt mit neunzehn – und die Bilanz sieht trotzdem gut aus" > Der Exportschlager
Mindens erfolgreichstes Produkt verlässt die Stadt mit neunzehn – und die Bilanz sieht trotzdem gut aus

Auf dem Weihnachtsmarkt erzählen sie von München, Singapur, Hamburg – die Ehemaligen, drei Tage im Jahr zurück in Minden. Die Stadt nennt das Heimatliebe. Die Statistik...
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Warum Touristen durch die Stadt hindurchfahren, in der Schiffe über Schiffe fahren" >
Ortausgangsschild zeigt das Ende des Weserberglands an
Juli 22 2026

Wo das Weserbergland aufhört
Warum Touristen durch die Stadt hindurchfahren, in der Schiffe über Schiffe fahren" > Wo das Weserbergland aufhört
Warum Touristen durch die Stadt hindurchfahren, in der Schiffe über Schiffe fahren

Es steht in der Eigenwerbung der Tourismusbranche: Das Weserbergland wird „im Norden von Minden begrenzt“. Nicht etwa gekrönt – sondern begrenzt! Warum Gäste im...
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Juli 18 2026

Das unsichtbare Vorstellungsgespräch –
Warum Mindens Innenstadt Personalentscheidungen trifft, von denen sie nichts ahnt" > Das unsichtbare Vorstellungsgespräch –
Warum Mindens Innenstadt Personalentscheidungen trifft, von denen sie nichts ahnt

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Willkommen in der C-Lage!
Warum Mindens Innenstadt verramscht – und warum bunte Bälle daran nichts ändern werden" >
Silhouette Billig-Stadt Minden mit Preisschild
Juli 13 2026

Willkommen in der C-Lage!
Warum Mindens Innenstadt verramscht – und warum bunte Bälle daran nichts ändern werden" > Willkommen in der C-Lage!
Warum Mindens Innenstadt verramscht – und warum bunte Bälle daran nichts ändern werden

Ein Billigheimer nach dem anderen eröffnet in Minden. Und wo bleiben die Top-Geschäfte? Wer sich das fragt, muss sich nur eine einzige Zahl ansehen. Sie erklärt, warum...
Geisterstadt Minden" >
Nov. 21 2023

Geisterstadt Minden" > Die geheimen Folien, die nie zu sehen sein sollten:
Geisterstadt Minden

Netzwerktreffen der Innenstadtakteure. Die Jubel-Vorträge gaben sich die Klinke in die Hand. Der einzig echte kontroverse Vortrag wurde nicht vor Ort gehalten. Hier...
Der Kaiser ist ja nackt!" >
Nackter Berater mit Aktenkoffer
Feb. 01 2023

Der Kaiser ist ja nackt!" > Die Berater waren in der Stadt – und niemand rief: Der Kaiser ist ja nackt!

In manchem Rathaus ist man froh, simple Antworten zu bekommen – wenn sie nur opportun und teuer genug sind. Diesen fatalen Hang hat der dänische Märchenerzähler Hans...
Innenstadtmanagement:
Wie lösen wir ein Problem? Indem wir einfach nur ein „Problemchen“ haben" >
Apr. 28 2022

Innenstadtmanagement:
Wie lösen wir ein Problem? Indem wir einfach nur ein „Problemchen“ haben" > Workshop Innenstadtmanagement:
Wie lösen wir ein Problem? Indem wir einfach nur ein „Problemchen“ haben

Workshop zur Entwicklung der Mindener Innenstadt. Immerhin 1 Berater auf jeweils 3,5 Teilnehmer. Donnerwetter! Und was passiert da so? Unser Autor war dabei und hat...
Feb. 17 2022

Baukultur.NRW in Minden
zu Gast bei Das Herz der Stadt

Baukultur.NRW war zu Besuch in Minden: ein Vormittag mit inspirierenden Gesprächen über Bauen und Stadtentwicklung in Zukunft, gemeinsam mit Vertretern aus Politik und...
Feb. 01 2022

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Die geheimen Folien, die nie zu sehen sein sollten: Geisterstadt Minden

Die geheimen Folien, die nie zu sehen sein sollten:
Geisterstadt Minden

Die geheimen Folien, die nie zu sehen sein sollten:
Geisterstadt Minden

Autor Edgar Wilkening

Autor: Edgar Wilkening

Wenn die Mindener Innenstadt es schon als Örtlichkeit kaum schafft, Menschen anzuziehen – als Thema einer Abend-Veranstaltung schafft sie es noch weniger.

Montag, 6. November 2023, 19:00 Uhr. Das Innenstadtmanagement der Stadt Minden hatte eingeladen zum zweiten „STADTnetzwerk-Treffen“. An die zweihundert Menschen hätten Platz gehabt im Ständersaal des Preußenmuseums.

Verrückt genug, sich anzumelden und auch zu kommen, waren keine fünfzig. Veranstaltungen der Mindener Stadtverwaltung sind nicht eben als Orte überquellender Lebensfreude und fröhlicher Unterhaltung bekannt.

Unter denen, die den Weg fanden: allein zwei Handvoll, die im Dienst der Verwaltung anwesend waren.

Dazu Offizielle von Stadtmarketing, IHK und Handelsverband. Aus der Politik ein paar SPD-Granden, ein FDP-Mann, einmal CDU. Von Linke, Grüne etc.: keine Spur. Ist man dort der Auffassung, die SPD wird das mit der Innenstadt schon richten und die Arbeitermassen wieder in die Shoppingtempel lotsen?

Den Reigen an Reden eröffnete Bürgermeister Michael Jäcke (SPD). Er betonte fröhlich, wie toll es in der Mindener Innenstadt liefe. Er käme beruflich auch in andere Städte, und was er dort teilweise sähe, dagegen sei Minden immer noch ganz weit vorne, betonte er.

Da war er wieder: dieser typisch Mindener Blick, der mir immer wieder in dieser Stadt auffällt.

Nicht etwa neugierig nach oben gerichtet – hin zu den Städten, wo lebendige, blühende Innenstädte vormachen, was Minden sein könnte, wenn man es anpacken würde. Sondern selbstzufrieden nach unten – dort hin, wo alles schlimmer ist als in Minden, so dass das eigene Elend den Bürgern nur noch halb so elend erscheinen möge.

Selbstzufrieden ging es weiter mit Vorträgen von CIMA, der Beraterfirma aus Hannover, und Innenstadtmanagement, die alle nur wunderschöne Erfolge zu berichten wussten. Friede, Freude, Pustekuchen.

Der Baubeigeordnete der Stadt Minden, Lars Bursian, flüchtete sich thematisch gleich direkt an die Weser und stellte ein Konzept für die künftige Schlagde vor. Zur Zukunft der Innenstadt hat sein Fachbereich offenbar nichts Wesentliches mehr beizutragen.

Einzig beim letzten Vortrag des Abends klangen auch mal vorsichtig kritische Töne an.

Architektin Astrid Engel als neue Vorsitzende der Immobilien- und Standort-Gemeinschaft ISG Obermarkt stellte den Verein und seine Aktivitäten vor. Sie war es, die betonte, dass „hier Stadtentwicklung für Minden direkt vor Ort betrieben wird, nicht aus der sicheren Distanz von Hannover aus.“

Bei Häppchen und Erfrischungsgetränken ging der Abend so sinnentleert zu Ende, wie er begonnen hatte. Wer nicht gekommen war, weil er sich stattdessen lieber mit David Sims Buch „Sanfte Stadt – Planungsideen für den urbanen Alltag“ auf dem Sofa zurückgezogen hatte, wurde vollauf bestätigt.

Dabei hätte es durchaus noch einen interessanten Vortrag geben können.

Ich hatte meine Präsentation „Geisterstadt Minden“ im Rückengepäck fix und fertig dabei. Allerdings war Das Herz der Stadt gar nicht eingeladen, einen Vortrag zu halten.

Ohnehin hätte es meine Präsentation wohl kaum durch den vorherigen Gesinnungs-Check der Stadt geschafft: zu viele Tatsachen, zu viel Realität, zu viel klarer Fokus auf die Verantwortlichen. Das hätte die Jubelchöre der Ehrenriege nur gestört.

Macht nichts. Das Publikum im Ständersaal war zahlenmäßig eh so klein. Hier und jetzt, an dieser Stelle, erreiche ich ein weitaus größeres Publikum – und das ganz ohne Gesinnungskontrolle oder Gefahr zu laufen, dass mir irgendjemand mittendrin den Stecker rauszieht. Zeige ich meine Folien eben hier.

Auf geht’s! Der ungehaltene Vortrag – durchaus im doppelten Wortsinne. Willkommen in der „Geisterstadt Minden“!

Lars Bursian über Ausstellungsflächen

„Sehr verehrte Damen und Herren, ich habe hier ein paar Fotos aus Minden mitgebracht. Allesamt zufällig entstandene Schnappschüsse. Ich war gerade auf dem Heimweg, als ich dachte: Das muss ich festhalten.“

Lars Bursian über Ausstellungsflächen

„Wann haben Sie das letzte Mal etwas so Trostloses, etwas so Gespenstisches gesehen?“

Lars Bursian über Ausstellungsflächen

„Geisterstadt Minden – die zentralen Innenstadtbereiche, sie wirken wie ausgestorben.“

Lars Bursian über Ausstellungsflächen

„Alle drei Fotos sind entstanden: am gleichen Tag und zur gleichen Uhrzeit. Woran liegt es, dass Obermarktstraße, Scharn, Markt mit Domhof menschenleer sind? Was denken Sie ist der Grund?“

Lars Bursian über Ausstellungsflächen

„Sind die Fotos vielleicht weit nach Mitternacht entstanden, wo alle anständigen Bürger längst daheim und im Bett sind? Oder sind die Witterungsbedingungen vielleicht so unwirtlich, dass sich keine Menschenseele vor die Haustür traut? Läuft womöglich gerade ein großes Meisterschafts-Endspiel oder irgendein anderer Straßenfeger im Fernsehen? Was denken Sie?“

Lars Bursian über Ausstellungsflächen

„Alle drei Fotos sind entstanden am Mittwoch, 11. Oktober 2023 um 20:15 Uhr. Das Wetter war mild und lau: 18 Grad Celsius, kein Wind, kein Regen. Und es gab kein großes Fernsehereignis, das parallel stattfand. Ein in jeder Hinsicht ganz normaler, ganz gewöhnlicher Herbsttag. Aber warum ist die Innenstadt an einem normalen Tag so menschenleer?“

Lars Bursian über Ausstellungsflächen

„Der Architekt und Stadtplaner David Sim hat eine Antwort. Er sagt: ‚Menschen möchten dort sein, wo andere Menschen sind.‘ Niemand geht zum Beispiel gerne in ein menschenleeres Restaurant. Niemand geht gern in eine menschenleere Stadt.“

Lars Bursian über Ausstellungsflächen

„Wer Orte schafft, die nur aus Gebäuden bestehen, schafft keine attraktiven Orte. Wer alles tut, um Menschen keine Attraktionen, keine Highlights, keine Erlebnisse zu bieten zum Bummeln, Schlendern, Schauen, Shoppen, Plaudern, Sitzen, Reden, Staunen, Treffen und, und, und – der schafft menschenleere Orte.“

Lars Bursian über Ausstellungsflächen

„Denn genau das sind diese Orte: Sie sind allesamt geschaffen worden. Ausdrücklich in der Macher-Form! Diese menschenleeren Orte wurden von Politikern und ihren Planern so geschaffen. Sie sind es, die die Verantwortung tragen für Aufenthaltswüsten und Angsträume. Weil sie eben keine andere, keine attraktivere Stadt gemacht haben, sondern genau diese.“

Lars Bursian über Ausstellungsflächen

„Hier entsteht wirtschaftlicher Schaden in Millionenhöhe. Für die Gewerbetreibenden, denen Umsätze wegbrechen oder gleich ganz entgehen, weil immer weniger Menschen in die Innenstadt kommen. Das wiederum verursacht Schäden bei den Liegenschaftseigentümern, deren Gebäude und Flächen von Jahr zu Jahr weniger wert sind, weil sich dort immer weniger Umsatz erwirtschaften lässt. Und natürlich auch für die Stadtgesellschaft, der Gewerbeeinnahmen entgehen. die an allen Ecken fehlen, z.B. um die Stadt wieder lebenswert zu machen. Dazu die langfristige Rufschädigung: ‚Minden? Brauchste nicht hinfahren – nix los.‘ Diese Schäden sind in Summe gigantisch. Und auch sie sind geschaffen worden – von Stadt-Ruinierern in Politik und Verwaltung.“

Lars Bursian über Ausstellungsflächen

„Jeder Gewerbetreibende, der seinen Laden schließen muss, erlebt das als ganz persönliches Scheitern. ‚Der Amazon ist schuld, dass die Leute nicht mehr kommen.‘ Nein! Das Gros der Gewerbetreibenden macht tolle Arbeit und stemmt sich mutig gegen die Onlinedienste. Aber sie sind machtlos, wenn Politik und Verwaltung dafür sorgen, dass immer weniger Kunden den Weg in die Innenstadt nehmen wegen Attraktionslosigkeit und Angsträumen.“

Lars Bursian über Ausstellungsflächen

„Die Bürger tun gut daran zu sagen: Es muss Schluss sein mit all den Schäden, die unserer Stadt da zugefügt werden von den Verursachern! Die Gewerbetreibenden sollten erkennen, dass nicht sie die Hauptverantwortung tragen, wenn ihr Laden in die Knie geht, sondern diejenigen, die die Stadt zu dem gemacht haben, was sie heute ist.“

Lars Bursian über Ausstellungsflächen

„Diejenigen, die seit Jahren unsere Stadt ruinieren durch falsche Weichenstellungen, durch Blockade neuer Angebote und zeitgemäßer Lösungen, durch falsche Entscheidungen; diejenigen, die seit Jahren wirtschaftliche Schäden in Millionenhöhe verursachen durch ihr Treiben: Sie gehören raus aus ihren Ämtern und Positionen! Ihr Tun hat Bürger und Wirtschaft schon jetzt Millionen gekostet. Die Stadtruinierer haben jeden Kredit verspielt. Es muss endlich Platz für klügere Leute sein. Vielen Dank für Ihr Mitwirken dabei.“

„Geisterstadt Minden“ ist einer der kontroversen Impulsvorträge von Strategieentwickler Edgar Wilkening.

Wenn Sie nach dieser Kurzversion Interesse am vollständigen Impulsvortrag mit allen Bildern, Charts und Grafiken haben oder an anderen kontroversen Vorträgen: einfach Anfrage per Mail an ew@dasherzderstadt.de.

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