Workshop Innenstadtmanagement:
Wie lösen wir ein Problem? Indem wir einfach nur ein „Problemchen“ haben

Autor Edgar Wilkening

von | 28. Apr, 2022

 


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Schon beim Impulsvortrag gleich zu Beginn zeichnete sich ab, wohin der Hase laufen sollte. Und wen auf jeden Fall keine Schuld trifft an der Misere.

Montag, 25. April 2022, 18:00 Uhr. Keine dreißig Menschen hatten sich auf Einladung der Wirtschaftsförderung der Stadt Minden eingefunden, um im Gründerzentrum „StartMIup“ über das Thema „Innenstadtmanagement“ und die grassierende Leerstandswelle zu sprechen.

Mit der Durchführung des Workshops war die Beratungsgesellschaft Cima aus Hannover betraut worden. Deren Projektleiter stellte im Eröffnungsvortrag klar, wer bzw. was für die zahlreichen Leerstände in Städten allgemein verantwortlich sei.

Wenig überraschend: das böse Internet ist schuld.

Allen voran natürlich Marktführer Amazon. Aber natürlich auch die Verbraucher, die immer öfter bequem per Alexa ordern statt die Innenstädte aufzusuchen.

Und wer noch? Na klar, die gierigen Grundeigentümer, die mit überzogenen Mietforderungen den Wandel blockieren, gleichzeitig aber dringend erforderliche Modernisierungen verschleppen.

Und mit diesem Szenario war auch schon von Anfang an klar, wen jedenfalls keine Verantwortung trifft an der Misere: die Verwaltung nicht, die Kommunalpolitik nicht und erst recht nicht deren Berater. 

Im Gegenteil. Politik und Verwaltung durften sich ausdrücklich gelobt fühlen vom Cima-Projektleiter: Minden habe seine Fußgängerzone saniert und damit einen wichtigen Schritt getan.

Dass die Verantwortlichen die Mindener Fußgängerzone zu einer identitätslosen Einkaufsrinne zum Durchkärchern gemacht haben – kein Wort darüber. Stattdessen Lob: Damit stünde Minden besser da als andere Städte.

Womit auch der Referenzpunkt für diesen Workshop festgelegt war.

Bloß nicht nach oben orientieren, sich bloß nicht an jenen Städten messen, die sehr erfolgreich agieren und ernsthafte Konkurrenten sind. Sondern immer schön nach unten gucken, auf die Städte, denen es noch schlechter geht. Dann ist das eigene Problem gleich viel kleiner.

So viel Milde mit Politik und Verwaltung kommt womöglich nicht von ungefähr. Immerhin stellten die drei Interessengruppen Politik, Verwaltung und Berater am Montagabend weit über die Hälfte aller Teilnehmer.

Die Parteien hatten ihr Spitzenpersonal geschickt. Die Verwaltung ebenso, vom Bürgermeister über Baubeigeordneten bis runter ins mittlere Management. Und allein die Berater der Cima waren mit sage und schreibe sechs Leuten aufgelaufen – was einem Verhältnis von jeweils 1 Berater auf 3,5 übrige Teilnehmer entspricht. Bemerkenswert!

Da wäre Kritik an Stadtrat und Verwaltung womöglich kontraproduktiv gewesen. Immerhin arbeitet die Cima nach Aussage des Projektleiters seit über zwanzig Jahren für die Stadt Minden – und möchte wohl auch gerne weitere zwanzig Jahre von einem stets zufriedenen Kunden „Stadt Minden“ beauftragt werden.

Wo ich herkomme, sagt man dazu: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.

Denkbar schlechte Voraussetzungen, um einer ernsten Problematik ernsthaft auf den Grund zu gehen. Eher der Nährboden für windelweiche Wischiwaschi-Ergebnisse – wie sich später bewahrheiten sollte.

Jedenfalls war die Zahl anwesender Grundeigentümer und Gewerbetreibender aus der Innenstadt, also der direkt Betroffenen, überschaubar: deutlich kleiner als die Zahl der Personen aus Verwaltung, Politik und Beratung. Hatte man das extra so gesteuert? Damit eventuell aufkeimende Kritik der tatsächlich Betroffenen schnell wieder eingefangen werden kann?

Auffällig auch, dass manche Gewerbetreibende später auf Nachfrage von Das Herz der Stadt, warum sie nicht am Workshop teilgenommen hätten, antworteten: „Wir haben gar keine Einladung bekommen.“

Ebenfalls auffällig: Die Immobilieneigentümer erhielten ihre Einladung zur Teilnahme schon gut vier Wochen vor dem Workshop-Termin. So auch der Autor (der gemeinsam mit Architektin Astrid Engel Eigentümer der Liegenschaft Obermarktstraße 19 ist).

Aus den Reihen der Politik ist dagegen zu hören, dass deren Einladungen deutlich später, nämlich nur etwa eine Woche vor dem Termin eintrafen. Hat da jemand bewusst nachgesteuert und nachträglich eingeladen, um erstens: die Bude noch halbwegs vollzukriegen, und zweitens: potenziellen Kritikern etwas entgegenzusetzen?

Es waren jedenfalls nicht die einzigen Sonderbarkeiten dieses Workshops.

Nach dem Impulsvortrag folgte die Standortanalyse für Minden. Die Liste der Leerstände, die die Cima präsentierte, erwies sich als unvollständig. Mindestens in der Obermarktstraße fehlte die Fläche des früheren Fotogeschäfts Oehlmann. Dass dieser Laden seit langem geschlossen ist, war den Cima-Leuten wohl entgangen. Schließlich sieht das Schaufenster immer noch gut bestückt aus.

Hätte man allerdings mal jemanden im Umfeld gefragt, hätte man den tatsächlichen Sachstand erfahren können: Der Ladenbesitzer ist im vergangenen Jahr verstorben – jetzt schlägt man sich mit Erbschaftsangelegenheiten und Insolvenz rum – das kann alles noch dauern – öffnen wird das Geschäft nie wieder …

Immerhin erfuhren die Workshop-Teilnehmer, dass es bei der Bestandsaufnahme der Innenstadt durch die Cima-Berater Anfang April geschneit hatte. Tja, wichtige Informationen sind wichtige Informationen.

Nach der Standort-Analyse ging es für die Teilnehmer in drei verschiedene Arbeitsgruppen. Eine davon sollte sich mit dem Thema „Quartiere und deren Entwicklung“ befassen.

Und dort muss es offenbar zum Eklat gekommen sein.

Eine Teilnehmerin der Arbeitsgruppe berichtet: Der Moderator stellte eingangs die Frage, was toll sei an Minden. Großes Schweigen in der Runde. Dann eine der wenigen Gewerbetreibenden knapp: „Nichts.“

Ein vernichtendes Urteil. Zugespitzt, sicher. Aber drastisch in seiner Klarheit. Und es blieb wohl nicht das einzige. Mehrere in der Gruppe äußerten offenbar deutliche Kritik am über Jahrzehnte gepflegten Status quo.

In der späteren Abschlussrunde im Plenum schmunzelte der Gruppenmoderator beim Rapport: Da habe wohl „erst ein bisschen Dampf abgelassen werden“ müssen. Dampf? Ist das der richtige Weg, um kritische Kommentare aus der Basis der Gewerbetreibenden angemessen einzuordnen?

Der Bürgermeister sprang den treuen Auftragnehmern in seinem Abschluss-Statement brav zur Seite und verlautete zum Thema Dampf, es würde wenig bringen, sich mit Schwächen zu befassen; man müsse seine Stärken stärken, dann wäre man auf einem guten Weg.

Es waren überhaupt die Schlüsselaussagen in diesem Workshop, auch in den anderen Arbeitsgruppen.

„Wir sind auf einem guten Weg.“ – „Das machen wir ja schon.“ – „Das haben wir schon mal probiert.“ Selten habe ich selbstzufriedene Sätze wie diese so häufig in einem Workshop-Kontext gehört wie an diesem Abend.

Da stellt sich die Frage: Warum gibt es überhaupt ein Problem in Minden, wenn man doch alles schon macht – alles schon probiert hat – oder sowieso auf einem guten Weg ist?

Sieht so die schonungslose Bestandsaufnahme aus, auf deren Grundlage überhaupt erst wirksame und nachhaltige Lösungen entwickelt und umgesetzt werden können?

Die Vorschläge, die zur Besserung der Situation der Innenstadt gemacht wurden, waren entsprechend schlicht. Alle richtig in ihrer Schlichtheit, wohlgemerkt. Aber eben schlicht. Da kann auch Miro als hippes digitales Workshop-Tool nicht drüber hinwegtäuschen.

Ein bisschen mehr Müll einsammeln von den Straßen. Ein bisschen mehr Veranstaltungen in der Stadt. Ein bisschen öffentliche Toiletten. Ein bisschen mehr Wochenmarkt, vielleicht auch mal abends. Und natürlich: Gründer und Start-ups fördern. Die werden es dann schon richten. Dann wird die Innenstadt schon wieder aufblühen und die Leerstände in Luft auflösen.

Dass es strukturelle Gründe geben könnte für das Veröden der Mindener Innenstadt, dass es hausgemachte Gründe geben könnte – kein Wort davon.

Stattdessen der Bürgermeister, der zufrieden verlautbart: Glauben Sie mir, ich bin oft beim Städtetag – was ich da höre aus anderen Städten, dagegen geht’s bei uns richtig gut.

Da war er wieder: der Mindener Referenz-Blick nach unten, auf die, denen es noch weitaus mieser geht. Das selbstzufriedene Auf-die-Schulter-klopfen von Politik und Verwaltung: Dollen Job machen wir – anderen geht’s immerhin schlechter. Und schon wird aus einem ernsthaften Problem nur noch ein klitzekleines „Problemchen“. Ergo: Problem gelöst.

„Haben Sie irgendetwas Neues gehört heute Abend?“, fragte ich einen der Teilnehmer beim Verlassen des Gebäudes. Der lachte und schüttelte den Kopf:

„Wir reden hier seit dreißig Jahren immer wieder über das Gleiche.“

Seit dreißig Jahren? Das würde bedeuten: seit den Neunzigern des letzten Jahrhunderts.

Wohlgemerkt: Damals steckte die kommerzielle Nutzung des Internet noch in den Kinderschuhen. Das böse Shopping-Monster Amazon war noch nicht mal gegründet. Ein iPhone ferne Zukunftsmusik. Und jetzt sind diese Neuerungen plötzlich verantwortlich für den Niedergang der Mindener Innenstadt?

Nein – hier wollen interessierte Kreise nicht über die tatsächlichen Ursachen der Misere reden. Erst recht nicht aus Politik und Verwaltung. Denn sie haben maßgeblichen Anteil an diesem Niedergang.

Lieber schiebt man die Schuld auf andere. Und veranstaltet Workshops, die unterm Strich wenig bis gar nichts bringen – außer vielleicht einem SUV-Händler in Hannover den Auftrag für ein neues Firmenfahrzeug mit Vollausstattung.

Es sind Feigenblatt-Workshops, die notdürftig verdecken sollen, dass man gerne weiterwurschteln möchte wie bisher. Zwischen 12.000 und 18.000 Euro schätzen Brancheninsider die Kosten für einen Workshop wie den am Montag (inklusive Vor- und Nachbereitungen). Dabei war er ohnehin nur Teil eines größeren Beauftragungspakets, das noch bis Ende 2023 laufen soll.

Gesamtkosten? Geheim. Ergebnis? Offen. Nutzwert? Fraglich.

Geld des Steuerzahlers, das rausgeschmissen wird nur zu dem einen Zweck: Damit man weiterschludern kann wie eh und je, ohne sich vorwerfen lassen zu müssen, man habe nicht wenigstens die Betroffenen mit einbezogen oder mal angehört. Reines Demokratie-Theater zur Selbstabsicherung der Verantwortlichen.

Jeder, der ernsthaft Interesse daran hätte, die Innenstadt zu beleben und Minden zu einem blühenden Standort zu entwickeln, würde das Problem anders anpacken. Nämlich bei den Ursachen. Und dazu als erstes eine gründliche Bestandsaufnahme machen. Selbst wenn die drastisch ausfallen sollte.

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