Dieses Video offenbart, was Mindens Marketing falsch macht – seit über 20 Jahren und heute immer noch

Autor Edgar Wilkening

von | 1. Feb, 2022


Sie erreichen den Autor per Mail an:
ew@dasherzderstadt.de

Es ist ein bemerkenswertes Zeitdokument. Und ausschließlich hier zu sehen: bei Das Herz der Stadt – auf keiner anderen Medienplattform sonst.

Ein Video, gedreht vor zwanzig Jahren, kurz nach der Jahrtausendwende: im Juni 2002. Eine Straßenbefragung bei Passanten am Hamburger Rathausmarkt: Was verbinden die Menschen mit Minden? Wie nehmen sie die Stadt wahr? Was denken sie darüber?

Entstanden ist eine Momentaufnahme der „Marke Minden“. Einer Stadt, die im Wettbewerb steht mit anderen Städten – um Aufmerksamkeit, Gäste, Touristen, Unternehmen.

ENTSTANDEN IST EINE MOMENTAUFNAHME DER "MARKE MINDEN"

Die Befragten: allesamt Zufallsbegegnungen. Menschen aus allen Altersgruppen, die an diesem Juni-Nachmittag bereit waren zu einer kurzen Befragung.

Und obwohl die Umfrage keinesfalls repräsentativ ist, offenbaren die Antworten dennoch schonungslos, was Mindens Marketing-Verantwortliche damals falsch gemacht haben und hatten, über Jahre, Jahrzehnte – und heute wohl immer noch falsch machen.

„Was verbinden Menschen mit Minden?“ Ergebnisse einer Straßenbefragung im Juni 2002 am Hamburger Rathausmarkt. Laufzeit gesamt: 4’14“


 

Interessant, was die Befragten antworten. Zu praktisch allen Städten, die gleichzeitig abgefragt wurden, hatten die Menschen Assoziationen, Empfindungen, Eindrücke, Bilder.

Bei Hameln der Rattenfänger – na klar. Bei London die Queen. Paris der Eiffelturm. Bei Solingen Messer und Scheren. Selbst bei einem „Kaff“ wie Worpswede mit weniger als 10.000 Einwohnern gab’s klare Antworten.

Und bei der Frage nach Minden?

Die Antworten lassen sich grob in vier verschiedene Kategorien einordnen.

+

Minden wird verwechselt mit Holzminden

Typische Antworten
„Und bei Minden denke ich an Holzminden.“ – „Da fließen zwei Flüsse zusammen, aber ich weiß nicht welche.“

Minden wird vage zugeordnet anhand anderer Geomarken

Typische Antworten
„Minden, das ist Bielefeld.“ – „Liegt bei Hameln“ – „Das ist südlich von Niedersachsen.“ – „In Westfalen, mehr weiß ich nicht.“

Minden wird anhand persönlicher Ereignisse zugeordnet

Typische Antworten
„Da lag mein Vater im Krankenhaus.“ – „In Minden habe ich einen guten Freund.“ – „Enge Straßen. Stau.“ – „Filtertüten.“

u

Minden ist gänzlich unbekannt

Typische Antworten
„Minden? Gibt’s sowas wirklich?“ – „Kenne ich nicht.“ – „Nie gehört.“

All das ist Ausdruck eines extrem schwachen Markenprofils. Völlige Unkenntnis bzw. Zuordnung falscher oder rein persönlicher Attribute – eine ziemliche Katastrophe, wenn man als Stadt im Wettbewerb steht gegen andere.

Aber noch schlimmer als das, was gesagt wird, ist das, was alles nicht gesagt wird im Film. Kein einziger Befragter hat zum Beispiel gesagt:

  • „Minden, da habe ich viel von gehört. Wollte ich immer schon mal hin.“
  • „Da soll es eine tolle Ausgeh-Atmosphäre geben.“
  • „Aus meinem Umfeld fahren da regelmäßig Leute hin, weil man so gut einkaufen kann.“
  • „Das ist die Heimat dieses legendären Handballclubs, muss ich unbedingt mal besuchen.“
  • „Wollte ich schon lange hin, da gibt’s dieses tolle Kunst- und Comic-Museum.“

… oder was auch immer Menschen sagen über Städte, die eine hohe Attraktivität haben, eine starke Bekanntheit und eine große Anziehungskraft. Nichts davon oder etwas Ähnliches sagt auch nur eine einzige der befragten Personen.

Das Video zeigt: Menschen verbinden mit Minden – im großen Durchschnitt – nichts. Jedenfalls nichts Stadtspezifisches. Das war die Lage-Beschreibung im Jahr 2002. Sozusagen die Anamnese: „Wo tut’s denn weh?“

DAS VIDEO IST EINE ART ANAMNESE: WO TUT'S DENN WEH?

Ich hatte das Vergnügen, dieses Video damals im Jahr 2002 ein, zwei Dutzend Marketing-Verantwortlichen in Minden zu zeigen. Quasi als Bestandsaufnahme: So ist der Status quo – und jetzt könnte man anfangen, mit klugen strategischen Maßnahmen gegenzusteuern, um Mindens Situation im Wettbewerb zu verbessern.

Ich erinnere mich noch an die Herrschaften und Damen, die da in großer Runde beisammen saßen. Alles, was damals Rang und Namen und Pöstchen hatte in der Stadt. Unternehmer, Politiker, Marketing-Verantwortliche. Das halbe Who-is-who von Minden.

Ich präsentierte das Video. Die Lage-Beschreibung. Ich analysierte die Antworten. Zog strategische Schlüsse daraus. Und das Mindener Rund? Winkte müde ab. Desinteressiert. Viel zu saturiert. „Machen Sie die Umfrage doch mal in Bückeburg. Da kommt aber was ganz anderes raus.“

"MACHEN SIE DIE UMFRAGE IN BÜCKEBURG. DA KOMMT WAS ANDERES RAUS."

Allen Ernstes! Der Satz fiel wirklich: die Empfehlung, die Umfragebasis zu ändern, damit sich das Analyse-Ergebnis ändert. Typisch für Leute, die Tatsachen nicht wahrhaben wollen. Na, klar: Wenn der Bauch weh tut, mir die Anamnese des Hausarztes aber nicht gefällt, dann gehe ich eben zum Zahnarzt und frage den – da kommt sicher ganz was anderes bei raus. Eskapismus. 

Wer schon bei der Anamnese kneift, ist heillos überfordert, wenn es darum geht Strategien ins Auge zu fassen, einen Befund zu heilen. Denkbar schlechte Voraussetzungen, um wirklich die Dinge anzupacken, die angepackt werden müssten.

Die meisten der Herrschaften aus der Runde von damals sind zwischenzeitlich ersetzt durch die nächste Generation von Nachfolgern. Hat sich dadurch irgendetwas verbessert? Mancher von damals sitzt noch heute im gleichen Amt.

NEUES LOGO, FLYER, IMAGEFILM: ALSO ALLES BESSER GEWORDEN?

Hat die Stadt Minden gelernt seit damals? Hat man die entscheidenden Punkte angepackt? In Mindens Marketing würden alle sicherlich „Ja“ rufen. Und ich weiß, was gemeint ist: „Es gibt doch ein neues Logo.“ – „Wir drucken jede Menge Flyer.“ – „Wir haben einen Imagefilm.“ – „Wir machen Werbung in sozialen Medien.“

Stimmt, es wird Werbung gemacht. Aber es wird bis heute kein starker Markenkern besetzt. (Und nein: Ein „Plus“ ist kein starker Markenkern.)

Stimmt, es werden Flyer gedruckt. Aber was nicht passiert: eine starke Marke mit erlebbaren Inhalten füllen.

Stimmt, es gibt einen Imagefilm. Aber es werden nach wie vor die Grundprinzipien strategischen Marketings mit Füßen getreten: Differenzierung, Relevanz, Kontinuität …

ES WIRD REKLAME GEMACHT, ABER KEIN STRATEGISCHER MARKENAUFBAU

Es wird halt Werbung gemacht. Reklame. Und Geld mit vollen Händen sinnlos zum Fenster rausgeworfen – an Unternehmen in der Stadt, die Wohlverhalten zeigen und davon profitieren.

Professionelles, nach vorne gerichtetes Stadtmarketing? Kluger, nachhaltiger Markenaufbau? Fehlanzeige.

Ich wette: Würde man heute den Film von 2002 wiederholen und beliebige Menschen am Hamburger Rathausmarkt befragen, was sie mit Minden verbinden – es würde im Kern die gleichen Antworten geben.

Und eben gerade nicht die Sätze, die ich oben skizziert habe, die so wichtig wären für eine attraktive, erfolgreiche Stadt-Marke.

Dieser Beitrag ist der Auftakt zu einer Serie von Artikeln, die sich mit dem Marketing der Stadt Minden befassen. Denn neben dem Video sind 2002 noch zahlreiche andere Elemente entstanden, die aufschlussreich und sehenswert sind in Sachen strategisches Stadtmarketing.

Foto-Comic Folge 79: Das Prestige-Bauprojekt
Sep 07 2022

Die 3 Schattenparker vom Rat | Episode #79
„Das teuerste Bauprojekt unserer Generation“

Wenn Politiker stets das Gegenteil dessen tun, was sie ankündigen – wen wundert’s dann noch, dass ihnen der Ruf vorauseilt, zu lügen.
Titelbild Friederike von Bülow
Aug 28 2022

PARTY!
Großes Re-Opening Donnerstag, 01.09. mit den „Nackedeis der Nichte“: Aktzeichnungen von Friederike von Bülow

Die Stadt Minden hatte unseren Ort für Kunst und Kultur im März geschlossen. Jetzt hat das Verwaltungsgericht getagt und ließ keinen Zweifel: Die Schließung war nicht...
Im Wörterbuch nachgeschlagen: Pressefreiheit
Jul 27 2022

HUMORQUOTIENT
Nachgeschlagen: „Pressefreiheit“

Aus aktuellem Anlass haben wir das „Vorder- und Hinterwäldlerische Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache“ aus dem Regal gekramt und den Begriff...
Jul 26 2022

Beeindruckende Bilanz im Video:
Ein halbes Jahr Kunst, Kultur und bürgerschaftliches Engagement

Das Video zeigt: Die Bilanz eines halben Jahres Das Herz der Stadt in der Obermarktstraße 19 kann sich mehr als sehen lassen. Und muss sich in Vielfalt und Reichtum...
Jun 16 2022

2. CIMA-Workshop Innenstadtmanagement Minden:
Fokusgruppe Eigentümer*innen

In Mindens Innenstadt kriselt es. Das bekommen auch Eigentümer von Innenstadt-Immobilien zu spüren. Gibt es Perspektiven für sie? Gibt es Hilfen? Der zweite...
Comic Episode 71: Die Schattenparker vom Stadtrat
Jun 03 2022

Die 3 Schattenparker vom Rat
Episode #71: Fraktionszwang

Nach kleinem Facelift jetzt mit wertigerer Optik und neuen Geschichten: Die Serie mit den „Drei Schattenparkern vom Rat“.
Apr 29 2022

Minden dabei – gleich in doppelter Hinsicht: Aktionstag der Produktionsschulen in Deutschland

Am 5. Mai 2022 gibt’s den diesjährigen Aktionstag der Produktionsschulen in Deutschland. Und Minden ist dabei gleich in doppelter Hinsicht dabei. Nicht nur, dass...
Apr 28 2022

Workshop Innenstadtmanagement:
Wie lösen wir ein Problem? Indem wir einfach nur ein „Problemchen“ haben

Workshop zur Entwicklung der Mindener Innenstadt. Immerhin 1 Berater auf jeweils 3,5 Teilnehmer. Donnerwetter! Und was passiert da so? Unser Autor war dabei und hat...
E-Bus am Scharn in Minden
Apr 07 2022

Bund fördert Vorschlag von Das Herz der Stadt mit bis zu 100.000 Euro

Heute hat der Bund einen Projektaufruf veröffentlicht, mit dem er ein Shuttlebus-Konzept, wie wir es im Sommer 2021 für die Mindener Innenstadt vorgeschlagen haben, mit...
Mrz 28 2022

Martini-Fahrstuhl im großen Vergleichs-Check:
Wie gut schneidet das Konzept gegen Alternativen ab?

Demnächst steht das Thema Fahrstuhl an der historischen Martinitreppe zur Entscheidung an. Im Ältestenrat kursierte eine E-Mail, in der von „unqualifizierten...