Rohrkrepierer Rampenloch: Sag beim Abschied leise Servus – oder laut „Was soll der Stuss?“

von | 9. Jan. 2021

Autor Edgar Wilkening

AUTOR
Edgar Wilkening. Initiator von „Das Herz der Stadt“. Arbeitete für Medienhäuser wie Axel Springer, Gruner + Jahr, Handelsblatt, NDR, ZDF, RTL, Sat.1 etc. Mitglied im Deutschen Journalisten Verband DJV, Landesgruppe Hamburg seit 1993.

Nein, es ist kein leiser Abschied, den Architektin Astrid Engel da hinlegt. Es ist eher ein Donnerschlag.

In den vergangenen Jahren war die Mindenerin so etwas wie die Gallionsfigur bürgerlichen Engagements für das historische Areal am Rampenloch geworden.

Mit zahlreichen Initiativen, Statements und Vorschlägen hatte sie sich immer wieder dafür eingesetzt, das einzigartige Narrativ des Ortes zu bewahren. Und das Gelände so zu entwickeln, dass es Nutzen stiftet für alle Mindener und die gesamte Stadt – nicht nur für ein paar wenige Top-Verdiener.

Wenn ausgerechnet diese Person aussteigt aus dem öffentlichen Wettbewerb ums Rampenloch, wirft das ein bemerkenswertes Licht auf das gesamte Verfahren. Denn jetzt sind nur noch zwei profitgetriebene Player der Immobilienbranche im Rennen.

Dem Herz der Stadt liegt das interne Dokument vor, mit dem Architektin Astrid Engel sich aus dem „Interessenbekundungsverfahren Rampenloch“ verabschiedet. In weiten Strecken liest es sich wie eine Generalabrechnung mit Mindens Stadtplanern, die ohne Not ihre Kronjuwelen verjubeln, statt deren Wert und Möglichkeiten auch nur im Ansatz auszuloten.

Nein, das ist kein leises Servus. Sondern beinhaltet auf jeder Seite die unausgesprochene Frage: „Was soll der Stuss?“

Exklusiv auf Das Herz der Stadt: DAS ORIGINAL-DOKUMENT hier als PDF-Datei für Sie zum Download.

Schon am 29. Oktober 2020 hatte Engel das Dokument offiziell bei der Stadt Minden eingereicht. Es war der Stichtag von Phase 2 des Interessenbekundungsverfahrens, bis zu dem Bewerber ihre Konzepte für das Rampenloch-Areal abgeben konnten.

Seitdem ist fast ein Vierteljahr vergangen. Und wer in dieser Zeit die Medien der Hofberichterstatter verfolgte, konnte den Eindruck gewinnen:  keine Meldungen, keine Schlagzeilen – läuft wohl alles prächtig am Rampenloch. Die Wahrheit sieht, wie meistens, anders aus.

„Das Interessenbekundungsverfahren als stadtplanerisches Instrument ist ganz bewusst extrem niedrigschwellig angelegt“, erläutert Architektin Engel im Gespräch. „Es soll eine Einladung sein an möglichst viele Menschen und Interessengruppen, sich an einem Entwicklungsprozess zu beteiligen und Vorschläge zu machen. Damit unterscheidet es sich ganz deutlich zum Beispiel von einem Architektenwettbewerb.“

Doch aller Niedrigschwelligkeit zum Trotz: Schon an Phase 1 des Rampenloch-Verfahrens, die von Januar bis März 2020 lief, beteiligten sich ausschließlich „Profis“. Gerade mal drei Architekturbüros bzw. Baufirmen reichten Vorschläge ein. Kein einziger Normalbürger, keine Interessengruppe. Was für ein Witz.

Dabei hatte der Initiator des Verfahrens, der Baubeigeordnete Lars Bursian, noch höchstpersönlich in Gesprächen einzelne Bürger und Personen zur Teilnahme ermuntert. Letzlich winkten die offenbar alle ab.

„Der wollte einfach möglichst viele Konzepte haben, um damit zu zeigen, wie toll sein Verfahren läuft“, sagt einer der Angesprochenen im vertraulichen Gespräch, möchte seinen Namen hier aber nicht genannt sehen.

Wenn sich aber ohnehin keine Normalbürger am Verfahren beteiligen, hätte man auch gleich einen richtigen Architektenwettbewerb ausloben können – mit dann wahrscheinlich deutlich mehr und deutlich hochkarätigeren Ergebnissen.

Es offenbart die grundlegenden KONSTRUKTIONSFEHLER, die der Baubeigeordnete der Stadt Minden ins Verfahren einbaute.

Das begann mit der Fehlanalyse des Rampenloch-Potenzials durch WoltersPartner aus Coesfeld, die man als externe Berater für die Obere Altstadt eingekauft hatte.

Es schloss sich an: Das Rampenloch nur als nützliche Verhandlungsmasse zu betrachten beim Schachern mit anderen Immobilieneigentümern der Oberen Altstadt.

Es ging weiter mit dem Nicht-Erkennen des einzigartigen historischen Narrativs am Rampenloch, wo der Staat Preußen und Stadtkommandant Ernst-Michael von Schwichow Anfang des 19. Jahrhunderts Geschichte geschrieben hatten.

Es folgte die totale Fixierung der Stadtplaner auf Wohn-Nutzung am Rampenloch, die nie und nimmer eine Refinanzierung der 642.500 Euro teuren Grundstücke wird erwirtschaften können – weshalb letzlich Mindens Bürger für den Profit der Immobilienfirmen werden zahlen müssen: per Nachlass auf den Verkaufspreis.

Es wurde ein Kriterienkatalog entwickelt, der Mittelmäßigkeit zum Maß aller Dinge machte – statt ein einziges Mal die Frage zu stellen: „Wie können wir das Beste aus der historisch einmaligen Chance am Rampenloch machen?“

… und so weiter und so weiter.

Das Interessenbekundungsverfahren, wie es der Baubeigeordnete Lars Bursian eingefädelt hatte, beinhaltet so viele grundlegende Fehler, dass es von Anfang an auf tönernen Füßen stand. Ein Rohrkepierer mit Ansage.

Die beschämend geringe Bewerberzahl in Phase 1 hätte selbst die Stadtplaner, vor allem aber die Politik stutzig machen müssen. Stattdessen klopfte man sich zufrieden auf die Schultern und ging den eingeschlagenen Weg unverdrossen weiter: Augen zu und durch.

Fehler passieren. Aber der größte ist und bleibt: Fehler nicht zu korrigieren, wenn man vielfache Hinweise darauf bekommt.

Heute steht man da mit geradezu LÄCHERLICH WENIGEN KONZEPTEN – bei einem Projekt, das eine Chance für die ganze Stadt gewesen wäre.

Architektin Astrid Engel hatte sich bei ihrem Vorschlag ganz bewusst nicht an die aus ihrer Sicht falschen Vorgaben der Stadt gehalten. Stattdessen wagte sie einen kühnen Entwurf, der das historische Narrativ des Rampenlochs in Architektur umsetzen wollte.

Teils spektakuläre Details, die Minden eine Wahrnehmung weit über die Stadtgrenzen hinaus hätten verschaffen können, heben Engels Konzept deutlich über jedes Mittelmaß hinaus.

    • Das Rampenloch als öffentlichen Ort zu definieren, der allen Menschen in hohem Maße offensteht – statt das Areal in rein private Parzellen zu verwandeln, die dann der Öffentlichlichkeit verschlossen bleiben.

    • Die Nutzung als „Red Light Lab“, das die Geschichte des Rampenlochs aufgreifen und in zeitgemäßer Form fortschreiben wollte als Innovationszentrum für junge, unternehmungslustige Menschen.


    • Das begrünte Dach, das öffentlich für jedermann begehbar gewesen wäre und die Möglichkeit geboten hätte, vom „Sky View“ einen Blick über die Dächer der Altstadt zu werfen.


    • Die Formgebung, mit der es als wahrscheinlich erstes Gebäude der Welt seine Adresse in der Kubatur widerspiegeln sollte: mit einer „Rampe“ und einem „Loch“.

    • Das zentral gelegene Foyer mit Café-Bistro, kleiner Bühne, Veranstaltungsbereich – als lebendiger Treffpunkt im Quartier und Einladung zum Schlendern.

    • Der öffentliche Konferenzraum, der allen Bürgern Mindens für Treffen und Besprechungen zur Verfügung gestanden hätte – geregelt über ein digitales Zugangssystem mit eigener App.

    • Das „Museum für preußische Bordellkultur“ mit Entertainment-Charakter als Touristenmagnet.

… und, und, und. Ein wahres Füllhorn bewegender Ideen und innovativ gedachter Architektur.

Viele, die das Konzept gelesen hatten, waren voller Vorfreude auf die Realisation und hatten goße Hoffnungen auf junges Treiben und öffentliches Leben am Rampenloch.

Nicht so Mindens Stadtplaner. „Das Urteil der Fachabteilung für mein Konzept war vernichtend“, gesteht Engel.

In der offiziellen Bewertung durch die Verwaltung erhielt Engels Vorschlag von allen drei Konzepten mit weitem Abstand die schlechteste Note: gerade mal 3,5 von zehn möglichen Punkten.

Selbst vor NACHPRÜBAR FALSCHEN AUSSAGEN schreckte man in der Verwaltung nicht zurück – nur um die katastrophal schlechte Punktzahl „begründen“ zu können.

„Ich war schockiert, als ich in der offiziellen Bewertung las, ich hätte den ‚Rahmen der ortsüblichen Bebauung‘ bei meinem Vorschlag überschritten“, berichtet Engel.

Für die Architektin klang das wie: „Lern doch erstmal dein Handwerk, Kindchen.“ Offenbar genau der Eindruck, den die Verwaltung öffentlich suggerieren wollte.

„Ich hab mich sofort an den Schreibtisch gesetzt und das überprüft“, erzählt Engel weiter. „Das Ergebnis: Gefordert sind 20 bis 30 Prozent Freifläche bei der Bebauung – mein Vorschlag bietet sogar 37,5 Prozent Freifläche, also weit mehr als die geforderte Zahl und fast das Doppelte des geforderten Mindestwerts.“

Die Fakten sprechen für sich. Wer angesichts dessen trotzdem zu der Einschätzung kommt, Engel habe „den Rahmen überschritten“, verfügt entweder nicht über ausreichende Fachkompetenz – oder er stellt bewusst falsche Behauptungen auf, um Personen zu beschädigen. In beiden Fällen gilt: In einer städtischen Verwaltung hat so jemand nichts verloren.

Gibt es noch mehr solcher Falschaussagen? „Ja, gibt es“, sagt Engel, „aber ich will das nicht in aller Öffentlichkeit diskutieren.“ Schließlich sitzt Verwaltung immer an einem ziemlich langen Hebel und kann Menschen das Leben ungemütlich machen.

Trotzdem ist die Strategie hinter den amtlichen Falschaussagen offensichtlich. Kaum ein Stadtverordneter wird der Verwaltung zutrauen, dass sie ganz gezielt lügt; andererseits fehlen den Politikern meist die Möglichkeiten, offizielle Einschätzungen der Verwaltung fachlich zu überprüfen. Was hängenbleibt, ist ein Eindruck, ein Gefühl: Diese Kandidatin beherrscht nicht mal das kleinste Einmaleins.

„Man hat mir aus der Verwaltung auf sehr vielfältige Weise zu verstehen gegeben, dass man mein Konzept nicht will und ich chancenlos bin“, sagt Engel. „Nicht nur durch Falschaussagen und schlechte Bewertungen.“

Deshalb war es für sie am Ende ein Gebot der Wirtschaftlichkeit, sich nicht mehr am weiteren Vergabe-Prozess zu beteiligen.

Ein Alibi-Konzept abliefern? Als dritten Vorschlag im Wettbewerb? Nur damit die Verantwortlichen sich auf die Schulter klopfen und ihre DILETTIERENDE ARBEIT kaschieren können?

Das kam für die Architektin nicht in Frage: ein Konzept abzugeben, das chancenlos ist und öffentlich ausgebuht wird, aber den Eindruck vermittelt hätte, die Stadtplanung habe gute Arbeit geleistet, weil sie dem Rat eine breite Auswahl auf den Tisch legt.

„Meine eigene Arbeit und die der Spezialisten in meinem Team ist viel zu wertvoll, um sie in einem zwielichtigen Spiel zu verheizen“, ergänzt die Architektin. Dann lieber der selbstbewusste Rückzug.

Denn überall, wo nicht einmal vor Falschaussagen und Unwahrheiten zurückgeschreckt wird, um kluge Köpfe zu diskreditieren und eigene Unzulänglichkeiten zu vertuschen, da ist der Weg nicht mehr weit bis zu Klüngel und Konsorten.

Am Rampenloch ist das Feld dafür bereitet. Wir werden es sehen …

Dokument exklusiv zum Download

Das Original-Dokument exklusiv veröffentlicht auf Das Herz der Stadt

Dokument exklusiv zum Download

Das offiziell bei der Stadt Minden eingereichte Dokument, mit dem die Architektin Astrid Engel ihren Ausstieg aus dem „Interessenbekundungsverfahren Rampenloch“ verkündet und begründet.

PDF-Format, 545 KB Dateigröße, 8 Seiten DIN A4, plakativ gestaltet, kostenlos zum Download.

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