© Artwork Edgar Wilkening | Das Herz der Stadt, 2026
„Wir nehmen das sehr ernst“ Fluchtweg im Rathaus erneut verstellt
Autor Edgar Wilkening
Ausgebildet als Sachkundige Aufsichtsperson für Versammlungsstätten nach § 40 Abs. 5 MVStättVO und in dieser Eigenschaft immer wieder bei Veranstaltungen tätig. Nein, im Rathaus mag man seinen Rat nicht so gerne.
Wieder ein verstellter Fluchtweg. Wieder im Rathaus. Wieder bei einer Sitzung. Eine kleine Chronik der Ernsthaftigkeit, wie man sie im Mindener Rathaus versteht.
In Minden gibt es zwei Sorten Brandschutz: einen für Bürger und einen für die Verwaltung. Der erste ist streng. Den zweiten konnte man am 14. Oktober im Rathaus besichtigen – er bestand aus ein paar Stühlen. Direkt vor der Fluchttür.
Ein voller Saal, ein guter Rat – und dann wurde nachgestuhlt
Der Ausschuss für Stadtentwicklung und Bauen tagte am 14. Oktober 2026 ab 16:30 Uhr im Konferenzbereich Räume C0.055 und C0.056 Bastau/Weser. Das Publikums-Interesse war groß, der Raum entsprechend voll. So voll, dass der Ausschussvorsitzende Hendrik Mucke schon vor Sitzungsbeginn zu den Besuchern ging.
Seine Ansage war vernünftig: Es sei heute sehr voll, ab TOP 2 ziehe man deshalb in den großen Rathaussaal um. Wem es zu eng oder zu warm sei, der könne gern schon jetzt hinaufgehen. Ein Mann, der die Lage erkannt hat. Man hätte es dabei belassen können.
Hat man aber nicht. Nach der Ansage wurden weitere Stühle hereingetragen. Ein Bediensteter der Stadt stellte sie dorthin, wo noch Platz war: unmittelbar vor die Fluchttür Richtung Durchgang Markt/Kleiner Domhof. Ein Fluchtweg ist in Minden offenbar auch eine Raumreserve.
Wie gut dieser Fluchtweg funktionierte, zeigte sich nach TOP 1, ganz ohne Feuer und ohne Panik. Ein Besucher wollte den Raum durch genau diese Tür verlassen. Er kam nur mit Mühe am Mobiliar vorbei. Ohne Rauch, ohne Dunkelheit, ohne Not. Den Ernstfall mag man sich gar nicht ausmalen.
Der Beigeordnete für Feuerschutz der Stadt Minden, Herr Dipl.-Ing. Lars Bursian, war persönlich anwesend und griff nicht ein.
Vier Fragen, fünfzehn Tage, eine Weiterleitung
Am 15. Oktober habe ich der Stadt vier Fragen gestellt. Wer ist bei Rats- und Ausschusssitzungen für die Sicherheit der Anwesenden verantwortlich? Wer war es an diesem Tag, und war die Person im Raum anwesend? Für wie viele Menschen ist der Raum zugelassen? Und was ändert sich künftig? Frist: 29. Oktober.
Keine Fangfragen. Jeder kleine Verein, der in Minden eine Veranstaltung anmeldet, muss solche Fragen aus dem Stand beantworten können. Sonst droht ihm behördliches Ungemach.
Die Frist verstrich. Am Tag danach kam Post aus dem Fachbereich 5, im Namen des Beigeordneten für Feuerschutz Dipl.-Ing. Lars Bursian. Die Anfrage sei zur weiteren Bearbeitung an den „Bürgerdialog“ weitergeleitet worden. Eine Antwort würde ich „zu gegebener Zeit“ erhalten.
Der Fachbereich heißt „Städtebau und Feuerschutz“. Eine Frage zum Feuerschutz ist dort offenbar etwas, das man weiterreicht. Fünfzehn Tage hat das Rathaus gebraucht, um die Frage, wer in Sachen Feuerschutz zuständig ist, an jemand anderen abzugeben. Brandabwehr ist nichts, das eilt.
„Wir können leider keine Ausnahme machen“
Dipl.-Ing. Lars Bursian ist Baubeigeordneter der Stadt Minden. Dass er Brandschutz ernst nehmen kann, hat er bewiesen. Im März 2022 ließ die Stadt den temporären Kunst- und Kulturraum von Das Herz der Stadt in der Obermarktstraße 19 bauordnungsrechtlich schließen. Seine Begründung per E-Mail vom 10. März 2022 an die Wählergemeinschaft Wir für Minden: „Wir können leider keine Ausnahme machen (auch andere müssen diese Voraussetzungen erfüllen!)“
Ja, andere mussten. Das Kino Die Birke wurde wegen Baumängeln geschlossen, dem Eventhaus in Hahlen wurde der Betrieb untersagt. Der kleine Kinoverein am Weingarten, für den ich ehrenamtlich arbeite, hat mehrere Mitglieder auf eigene Kosten zu sachkundigen Aufsichtspersonen ausbilden lassen. Bei jeder Vorstellung kontrolliert mindestens eine von ihnen vorher die Fluchtwege. Bei 99 Plätzen.
Das ist der Maßstab, den die Stadt an andere anlegt. Am 14. Oktober galt er im eigenen Haus nicht. Keine Ausnahme? Doch, eine gibt’s: die Verwaltung selbst.
Kein Einzelfall, sondern eine Serie
Der 14. Oktober ist der vierte dokumentierte Fall seit 2023, in dem die Stadt ihre eigenen Flucht- und Rettungswege nicht freihält. Entdeckt hat keinen davon die Verwaltung. Auch kein Schlaumeier mit Diplom-Titel. Entdeckt haben es jedes Mal aufmerksame Bürger.
| Datum | Ort | Was war los | Reaktion der Stadt |
|---|---|---|---|
| 14. Oktober 2026 | Rathaus, Konferenzraum Bastau/Weser, Ausschusssitzung | Stühle vor der Fluchttür | Anfrage nach 15 Tagen an den Bürgerdialog weitergeleitet |
| 11. Juni 2026 | Bildungszentrum Weingarten, Kleines Theater (Bericht) | Zweiter Rettungsweg durch Baustelle blockiert: Kranausleger, Absperrband, Paletten, Schuttcontainer | Presseanfrage blieb unbeantwortet |
| 10. Juli 2025 | Rathaus, Rathaussaal, Stadtverordnetenversammlung (Bericht) | Fluchtweg zum Markt mit Gittern verschlossen | Zusage: interne Abläufe prüfen, Personal unterweisen |
| 2023 | Pop-up-Galerie in den früheren „Magic“-Räumen, von der Stadt mitveranstaltet | Zweiter Rettungsweg nicht frei zugänglich | Hinweise mehrerer Personen blieben ohne Reaktion |
Zusammenstellung: Das Herz der Stadt
Zweimal Rathaus, zweimal laufende Gremiensitzung. 2025 waren es Gitter. 2026 waren es Stühle. Man kann das Fortschritt nennen: Stühle lassen sich wenigstens wegtragen.
Was „sehr ernst“ in Minden bedeutet
Nach dem verriegelten Fluchtweg im Juli 2025 schrieb der damalige Bürgermeister Michael Jäcke: „Wir nehmen solche sicherheitsrelevanten Vorgänge sehr ernst.“ Man habe den Vorfall zum Anlass genommen, die internen Abläufe zu überprüfen. Künftig würden alle Vertretungskräfte vor ihrem Einsatz „noch gezielter hinsichtlich der besonderen Anforderungen bei Ratssitzungen sowie der Sicherheitsvorgaben unterwiesen“.
Noch gezielter. Ein Jahr und drei Monate später stellt ein Bediensteter der Stadt Stühle vor eine Fluchttür – im selben Rathaus, bei einer Sitzung desselben Typs. Ob der Mann im schwarzen T-Shirt eine Vertretungskraft war, kann ich nicht sagen. Ob irgendjemand unterwiesen wurde, auch nicht. Die Stadt hätte es mir sagen können. Sie wollte es nicht. Sie hat es an den Bürgerdialog weitergereicht.
Inzwischen heißt der Bürgermeister Peter Kock. Am Fluchtweg (wie an vielem anderen im Rathaus) hat der Wechsel nichts geändert.
Notausgang? Bitte warten!
Ein Fluchtweg hat genau eine Aufgabe: frei zu sein, wenn es darauf ankommt. Dafür gibt es Vorschriften, und die Stadt Minden setzt sie durch. Bei Kinos, bei Eventhäusern, bei Kunsträumen in der Obermarktstraße. Immer dann, wenn man Bürgern ans Bein pi***n kann.
Im eigenen Haus gilt ein anderes Verfahren. Man stellt den Fluchtweg zu. Man verspricht Besserung. Man stellt ihn wieder zu. Und wer die Frage stellt, wer dafür eigentlich verantwortlich ist, landet im Bürgerdialog. Antwort? Zu gegebener Zeit.
Hoffen wir, dass die gegebene Zeit nicht die ist, in der es brennt.
Meine vier Fragen, auf die die Administration Kock keine Antworten fand und sie an den Bürgerdialog weiterreichte
1. Wer (Funktion/Organisationseinheit) ist bei öffentlichen Rats- und Ausschusssitzungen für die Sicherheit der Anwesenden verantwortlich, insbesondere für das Freihalten der Rettungswege?
2. Wer hat diese Verantwortung in der Sitzung am 14.10.2026 wahrgenommen, und war diese Person während der Sitzung im Konferenzraum anwesend?
3. Für wie viele Personen ist der Konferenzraum Bastau/Weser in kombinierter Nutzung zugelassen, und wie viele Personen waren anwesend?
4. Welche Maßnahmen ergreift die Stadt, damit Rettungswege bei Sitzungen künftig freigehalten werden?
Falls Sobald eine Antwort eintrifft, wird sie hier nachgetragen. ♥
Das Herz der Stadt. Macht aus Daten. Macht aus Daten Diskussionsstoff.
Warum liest man so etwas nicht in der Zeitung?
Gute Frage! Falls Sie da an eine ganz bestimmte Zeitung denken, fragen Sie dort einfach mal direkt nach. Grundsätzlich gilt aber: Lokaljournalisten sind nicht die hellsten Zeigenossen. Sonst hätten sie einen anderen Beruf ergriffen statt die Zeitung jeden Tag mit dümm Tüch (hamburgisch) vollzumachen: „Auto von links, Moped von rechts – bumm, Polizei.“