Totgesagte leben eben länger:
Die ISG Obermarkt-Quartier in Minden

Autor Edgar Wilkening

11. Aug, 2023

Autor: Edgar Wilkening

Wie Phoenix aus der Asche: Vom 18. August bis zum 21. September 2023 gibt’s den Opermarkt in der Mindener Obermarktstraße unter dem Motto „Wagner mal ’nen Blick“ – nämlich in die Schaufenster der teilnehmenden Geschäfte. Veranstalter: die ISG Obermarkt-Quartier.

Die WER???

Gute Frage. Und das gleich in doppelter Hinsicht. Denn erstens: Wer soll das sein? Und zweitens: Die gibt’s noch???

Mit vollem Namen heißt die ISG „Immobilien- und Standortgemeinschaft Obermarkt-Quartier e.V.“ Ihr Ziel: Das Quartier Obermarkt und die angrenzenden Bereiche in Mindens Altstadt aufzuwerten und zu entwickeln.

Gegründet wurde der Verein Mitte der Nuller-Jahre, ursprünglich mal als „ISG Ratsquartier Minden“. Als man sie da nicht mehr gebrauchen konnte, den Verein aber schon mal an der Backe hatte, wurde er 2007 umgewidmet zur heutigen „ISG Obermarkt-Quartier“.

Die ISG blickte in den Abgrund: der Tag der Liquidation?

Offenbar der Beginn einer wechselhaften Geschichte – die 2021 beinahe mit der Auflösung des Vereins geendet hätte. Nicht etwa, weil man sein Ziel erreicht und das Obermarkt-Quartier zu einem fulminant attraktiven Ort entwickelt hätte. Sondern weil man müde war.

Ich erinnere mich an einen Montagabend im November 2021. Im Restaurant Plaka hatten sich die letzten verbliebenen Vereinsmitglieder versammelt und wollten nur noch den Beschluss zur Liquidation des Vereins eintüten.

Doch dazu kam es nicht. Denn just an diesem Abend waren durch glückliche Umstände viele neue Gesichter in der Runde dabei. So viele, dass die Vereinsmitglieder Hoffnung schöpften: Würde eine neue Generation vielleicht doch die Geschicke des Vereins weiterführen? Jedenfalls wurde die Auflösung an diesem Abend vertagt.

Architektin Astrid Engel (Lebensgefährtin des Autors) fasste damals einen kühnen Entschluss: Die ISG zu retten und die bestehende Struktur zu nutzen, um Dinge für das Quartier anzuschieben. Mit neuem Mut, neuer Kraft, neuem Netzwerk und vor allem: mit neuen Ideen.

Sie warb in vielen Gesprächen für die ISG; sie versuchte alte Recken, die längst das ISG-Handtuch geworfen hatten, neu zu motivieren; sie entwickelte Pläne für einen Aufbruch des Vereins in die Neuzeit. Und war damit ziemlich allein.

Dunkle Intrige: Die Stillstand-Fraktion arbeitet mit allen Mitteln

Als in einer Sitzung im Sommer 2022 der alte Vorstand des Vereins endlich Platz machen wollte für neue, jüngere Leute, hatten ein stadtbekannter Butzemann und sein persönliches Umfeld längst eine dunkle Intrige gesponnen: üble Nachrede gegen Astrid Engel (und auch den Autor) gehört da noch zum Harmloseren.

Als selbst das nicht fruchtete, um Astrid Engel von ihrem Engagement abzubringen, holte man die Nazi-Keule raus. O-Ton in einer WhatsApp-Gruppe, die den Namen „Die ISG von morgen“ trug:

„Ich verabschiede mich aus dieser Gruppe aufgrund von Edgar (Wilkening) und Astrid (Engel / Anmerkungen des Autors) und ihrer Nähe zur AFD.“

Klingt abenteuerlich absurd? Hier kommt der Beweis – als einer von vielen, die festgehalten wurden.

Screenshot mit übler Nachrede in WhatsApp-Gruppe

Screenshot einer Nachricht in der WhatsApp-Gruppe „Die ISG von morgen“ vom 29. Juni 2022

Ein totes Pferd als Sprachrohr? Auf eine so bekloppte Idee muss man erstmal kommen. Es waren wohl nicht die hellsten Kerzen auf der ISG-Torte, die da die Gruppe verlassen haben.

Dennoch hatte die Intrige offenbar gewirkt. In ihrer Sitzung am 4. Juli 2022 im Restaurant Dell‘ Amore wählten die Vereinsmitglieder nicht etwa die seit Wochen leidenschaftlich arbeitende Astrid Engel, die sich initiativ beworben hatte, zur Vorsitzenden, sondern eine Dame aus dem Umfeld des Butzemanns. Na schön, so geht Demokratie.

Danach passierte, was in Minden immer passiert: nichts.

Neue Ideen? Neue Pläne? Neue Ansätze? Die neue ISG-Vorsitzende war heillos überfordert

Die frisch gekürte Vorsitzende war offenbar heillos überfordert. Neue Ideen? Null. Neue Pläne? Nein. Neue Ansätze? Nix. Nicht mal die Eintragung des neuen Vorstands im Vereinsregister hat die Butzemann-Dame hingekriegt. Totalausfall.

Ein Jahr Stillstand später: neue Sitzung, neue Wahlen. Und wieder warf Astrid Engel ihren Hut in den Ring. Warum tut sie sich das an?, fragten viele. Antwort: Die Obermarktstraße sei ihr zu wichtig, die eingeführte Vereinsstruktur zu wertvoll, um einfach alles aufzugeben wegen ein paar Leuten. Das nennt man wohl Durchhaltevermögen. Echtes Standing.

Und dieses Mal kamen immerhin genügend Stimmen zusammen: Seit Frühsommer 2023 ist Astrid Engel die neue Vorsitzende der ISG Obermarkt-Quartier, begleitet von einem Team unternehmungsfreudiger, handlungsfähiger Menschen im Vorstand.

Dass diese Entwicklung nicht allen schmeckte, zeigte sich schon wenige Tage später, als die ersten Vereinsaustritte eintrudelten. Gewerbetreibende, die ihre eigene Standort-Vertretung genau dann verlassen, wenn etwas Neues beginnt? Man kann nur mit dem Kopf schütteln. Kein Wunder, dass immer mehr Menschen lieber bei Amazon & Co. bestellen.

Austreten, wenn etwas Neues beginnt? Kein Wunder, wenn Amazon & Co. die Gewinner sind

Astrid Engel focht das nicht an. Kaum gewählt, machte die neue Vorsitzende sich mit ihrem Team an ihr erstes ISG-Projekt.

„Ich wollte einfach keine Zeit verlieren, denn dieses ewige Nichtstun schadet der Straße, dem Quartier und letztlich der ganzen Stadt“, sagt die Macherin. So viel Tatkraft würde man sich öfter wünschen von Menschen, die sich in Minden Stadtentwicklung auf die Fahnen schreiben.

Den Aufhänger für das Projekt lieferte der Richard-Wagner-Verband Minden, der aktuell im Mindener Stadttheater die Wagner-Oper „Parsifal“ inszeniert.

Die Idee: Wie wäre es, wenn die Obermarktstraße rund um die Premiere am 8. September 2023 zur Opermarktstraße würde? Der Opermarkt war geboren.

Digital Banner aus Wagner-Oper

Eines der animierten Gifs, die auf den Opermarkt aufmerksam machen

Wenn Requisiten aus Theater-Inszenierungen reden könnten, sie hätten wohl so einiges zu erzählen: Wer mit wem? Was geschah danach? Wie ging es weiter? Und überhaupt …

Der Opermarkt lässt Requisiten und Objekte aus zwanzig Jahren Wagner in Minden ihre verborgenen Geheimnisse erzählen. Zu sehen unter dem Motto „Wagner mal ’nen Blick“ in die Schaufenster der teilnehmenden Geschäfte der Obermarktstraße – ’tschuldigung: der Opermarktstraße natürlich!

Für Besucher früherer Wagner-Inszenierungen wird es da emotionale Wiedersehen geben. Denn Lohengrins Schwan ist ebenso dabei wie die Boote aus dem Bühnenbild von Tristan und Isolde und natürlich das legendäre Rheingold. Und alle Objekte werden Aufregendes oder Amüsantes berichten, das sie erlebt haben oder was ihnen seit damals widerfahren ist.

Die Eröffnung des Opermarkt, das Grand Operning sozusagen, findet am Freitag, 18. August 2023 um 18:30 Uhr statt. Ort: Obermarkstraße, Treppe Ecke Opferstraße. Oder um im Sound des Events zu bleiben: Opermarktstraße, Treppe Ecke Operstraße.

Neben Mindens Bürgermeister Michael Jäcke und der Vorsitzenden des Richard-Wagner-Verbands Dr. Jutta Winckler werden zahlreiche weitere Gäste aus Gesellschaft, Kultur und Wirtschaft erwartet.

Feierliches Ope(r)ning und Premiere für die Video-Retrospektive

Die musikalische Begleitung übernehmen Moritz Glöckner und Frieder Hoffmann mit ihren Trompeten. Durch das Programm führt Martin Bornemeier. Die ISG Obermarkt-Quartier lädt alle Bürger und Interessierten herzlich zur Eröffnung ein.

Im Schaufenster Obermarktstraße 17 wird zudem ein Video gezeigt, das eine bewegende Retrospektive auf zwanzig Jahre Wagner-Schaffen in Minden präsentiert – inklusive dem „Einzug der Gäste“ im Tannhäuser aus der Inszenierung 2005, bei der die ganz in Weiß gekleideten Mindener Bürger dabei waren.

Die Opermarkt-Ausstellung ist zu sehen bis zum 21. September 2023. Und soll nach Aussage der ISG-Vorsitzenden Astrid Engel nur der Anfang sein für eine ganze Reihe sehenswerter Aktionen im Obermarkt-Quartier. Da sagt Das Herz der Stadt: Chapeau und toi, toi, toi!

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