Symbolbild © Illustration: Das Herz der Stadt, 2026
„Alle an einem Strang“ Über eine Metapher, die klingt wie ein Plan – und keiner ist
Autor Edgar Wilkening. Hat in seiner Hamburger Phase aktiv an Stadtentwicklungs-Konzepten in der Hansestadt an der Elbe mitgewirkt – und schüttelt nur den Kopf, wie das Potenzial der kleinen Hansestadt an der Weser vor die Wand gefahren wird.
Es gibt Sätze, denen man kaum widersprechen kann. Das ist ihr Zweck.
„Die Stärkung der Mindener Innenstadt verstehen wir als Gemeinschaftsaufgabe, bei der wir alle an einem Strang ziehen müssen“, lässt sich das Innenstadtmanagement im Mindener Tageblatt vom 14. Juli 2026 zitieren. Man ist, so heißt es außerdem, „laufend im engen Austausch mit den Eigentümern“, um „konkrete Bedarfe und Anforderungen zu erörtern sowie gemeinsame Ziele zu definieren“.
Lesen Sie die Aussage ruhig zweimal. Beim ersten Mal klingt sie nach Aufbruch. Beim zweiten Mal fällt auf, was fehlt: alles.
Kein Ziel. Keine Zahl. Kein Termin. Keine Entscheidung. Stattdessen die Ankündigung:
Man werde miteinander reden, um herauszufinden, worüber man reden sollte
Das ist keine Strategie, das ist die Beschreibung eines Wartezimmers. Es ist eine Aussage, die Aktivismus vermitteln und Orientierungslosigkeit verschleiern soll.
Bleiben wir einen Moment bei der Metapher, sie hat es verdient. „An einem Strang ziehen“ – das klingt nach mittelalterlicher Wucht, nach vielen Händen am selben Balken, nach dem Rammbock vor dem Stadttor.
Nur: Der Rammbock hatte einen Vorzug, den das Mindener Innenstadtmanagement nicht hat. Man wusste, welches Tor man aufbrechen wollte. Man wusste, was dahinter lag. Und man wusste, wann man durch war.
Wer dagegen alle an einen Strang ruft, ohne zu sagen, was am anderen Ende befestigt ist, veranstaltet kein Tauziehen, sondern eine Prozession. Alle ziehen, das Seil bewegt sich, und am Abend gehen alle mit dem guten Gefühl nach Hause, gezogen zu haben.
Die Innenstadt steht am nächsten Morgen exakt dort, wo sie gestern stand. Nur ein Ladenlokal weniger hat geöffnet (zum Beispiel „Mucki-Kind“ an der Marienstraße).
Die Gemeinschaftsformel „Wir alle“ hat noch einen zweiten Konstruktionsfehler, und der ist gravierender.
Sie behauptet eine Interessengemeinschaft, wo faktisch eine Interessenkollision herrscht
Der Eigentümer, der seine Ladenflächen zu Buchwerten aus besseren Jahrzehnten in der Bilanz stehen hat, hat ein handfestes Interesse daran, die Mieten nicht der Realität anzupassen. Jede marktgerechte Miete wäre das schriftliche Eingeständnis, dass sein Vermögen geschrumpft ist.
Der Filialist optimiert sein Standortnetz von einer Zentrale aus, für die Minden eine Zeile in einer Tabelle ist. Die Stadtverwaltung wünscht sich händeringend gute Nachrichten für den nächsten Ratsbericht. Der inhabergeführte Einzelhandel wünscht sich Frequenz, aber bitte nicht in Form von Konkurrenz im Nachbarhaus. Und die Kundschaft – dazu gleich – wünscht sich Preise, die zu ihrem Konto passen.
Das sind keine Missverständnisse, die sich im „engen Austausch erörtern“ ließen. Das sind gegenläufige ökonomische Interessen.
Wer sie zur Gemeinschaftsaufgabe erklärt, deklariert einen Verteilungs-Konflikt zum Kommunikations-Problem um
Das fühlt sich harmonisch an – und ist zugleich das Gegenteil von Politik. Denn Politik hieße: entscheiden. Und entscheiden heißt immer: jemanden enttäuschen.
Es gibt einen dritten Grund, warum die Gemeinschaftsrhetorik so beliebt ist bei jenen, die sie anwenden und aussprechen. Sie verteilt Verantwortung – und zwar weg von dem, der sie hat. Auf alle, die sie nicht haben.
Ein Innenstadtmanager, der sagte: „Ich habe drei Hebel identifiziert, hier sind sie, daran werde ich gemessen“ – der wäre überprüfbar. Der könnte scheitern, sichtbar, mit Datum.
Ein Innenstadtmanager, der sagt „wir alle müssen zusammenhalten“, hat sein Scheitern vorsorglich vergemeinschaftet
Geht es schief, haben eben nicht alle mitgezogen. Die Formel ist kein Arbeitsprogramm, sie ist eine Versicherungspolice. Wenn alle verantwortlich sind, ist es niemand – am wenigsten der, dessen Stelle eigens dafür geschaffen wurde.
An dieser Stelle muss ich auf etwas zurückkommen, das ich an anderer Stelle ausführlich begründet habe: Minden hat kein Amazon-Problem. Minden hat ein Einkommensproblem.
Die Kaufkraft dieser Stadt liegt in der IHK-Statistik für Ostwestfalen seit Jahren im Tabellenkeller – nicht, weil die Mindener falsch einkaufen, sondern weil sie zu wenig verdienen. Die Schaufenster der Innenstadt sagen das jeden Tag ehrlicher, als es jede Pressemitteilung tut.
Und genau hier zerreißt der Strang, an dem alle ziehen sollen. Denn gegen strukturell schwache Kaufkraft hilft kein Zusammenhalt. Man kann sich nicht gemeinschaftlich reicher ziehen.
Wenn das Grundproblem lautet, dass in dieser Stadt zu wenig Einkommen entsteht, dann ist die Innenstadtbelebung keine Frage der Stimmung, der Koordination oder des Wir-Gefühls – sondern eine Frage der Wirtschaftspolitik, der Ansiedlungen, der Löhne, der gehaltenen Absolventen.
Alles Dinge, die unbequem sind, Jahre dauern und sich schlecht auf ein Banner drucken lassen. Aber allesamt Dinge, die man im Rathaus anpacken könnte und müsste, wenn man denn mal was anpacken wollen würde.
Der Gemeinschaftsappell des Innenstadtmanagements behandelt ein Strukturproblem, als wäre es ein Motivationsproblem
Das ist, als würde man einer Belegschaft, deren Fabrik keine Aufträge hat, einen Teambuilding-Workshop verordnen. Hinterher mögen sich alle. Die Auftragsbücher bleiben leer.
Ehrlich wäre der Satz: Die Innenstadt, wie wir sie kannten – Einzelhandel als Leitnutzung, Frequenz durch Konsum – kommt in dieser Form nicht zurück. Nicht nach Minden, und in viele vergleichbare Städte auch nicht.
Die ehrliche Frage lautet deshalb nicht: „Wie kriegen wir alle an einen Strang?“, sondern: „Was soll zwischen Kaak und Wesertor künftig eigentlich stattfinden?“ Wohnen? Handwerk? Gesundheit? Bildung? Kultur? Gastronomie? Events? Gar nüscht …?
Jede dieser Antworten hätte einen Preis. Und Verlierer. Und würde Streit auslösen. Genau daran erkennt man übrigens, dass es sich um eine echte Entscheidung handeln würde. Die Gemeinschaftsformel dagegen hat keine Verlierer. Sie hat nur Zuhörer.
Derweil gilt: Beim Tauziehen gewinnt nicht das Team mit den meisten Händen am Seil.
Es gewinnt das Team, das weiß, in welche Richtung es zieht – und dass auf der anderen Seite etwas ist, das nachgibt
Solange das Innenstadtmanagement beides nicht benennen kann, ist der Strang, an dem wir alle ziehen sollen, vor allem eines: lang genug, um die Antwort auf die eigentlichen Fragen noch ein paar Jahre ungelöst hinter sich herzuziehen.
Quellen: Mindener Tageblatt, 14. Juli 2026; IHK Ostwestfalen zu Bielefeld, „Ostwestfälische Wirtschaft“, Grafik des Monats (zuletzt Ausgabe 06/2026), Daten: Michael Bauer Research GmbH; Eigenrecherche: „Willkommen in der C-Lage“, dasherzderstadt.de, Juli 2026.
Warum liest man derart präzise Analysen nicht in der Zeitung?
Gute Frage! Falls Sie dabei an eine ganz bestimmte Zeitung denken, müssten Sie dort mal direkt nachfragen. Grundsätzlich gilt aber: Lokaljournalisten sind so eitel, dass sie sich viel zu gerne gemein machen mit Politik und Verwaltung. Man kann beobachten, wie sie sich ungeniert einladen lassen, wenn Stadt und Politik ihre Sommerfeste feiern. Dann sitzen die angeblich ach so kritischen Beobachter fröhlich mittendrin – wie z.B. am Freitag, 10. Juli 2026 im Biergarten des Hotel Bad Minden.